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Finanzmärkte : Das große Zittern auf den Kreditmärkten

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Auf den Kreditmärkten ist das große Zittern ausgebrochen. Die Furcht, dass die Schieflage einiger Hedge-Fonds einen Flächenbrand auslösen könnte, hat die Risikoprämien am Montag in der Nähe der am Freitag erreichten Rekordwerte gehalten.

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          Auf den Kreditmärkten ist das große Zittern ausgebrochen. Die Furcht, dass die Schieflage einiger Hedge-Fonds einen Flächenbrand auslösen könnte, hat die Risikoprämien am Montag in der Nähe der am Freitag erreichten Rekordwerte gehalten. Selbst der Markt für die Absicherung von Staatsanleihen ist in Aufruhr geraten.

          Noch mehr gilt das allerdings für Derivate zur Absicherung von Verbindlichkeiten der Banken und Unternehmen. Manche Investoren fassen diese Credit Default Swaps nur noch noch mit spitzen Fingern an. Sicherheit suchen viele, als Versicherer wollen dagegen nur noch wenige Banken und Investoren auftreten - und wenn sie Schutz bieten, dann nur zu hohen Preisen.

          Aversion der Anleger gegen Finanzwerte

          So kostet zum Beispiel die Absicherung von Forderungen gegen die amerikanische Investmentbank Citigroup eine Risikoprämie von rund 2 Prozent im Jahr. Auch die Aversion gegen deutsche Finanzwerte ist ausgeprägt - wenn auch etwas weniger stark. Die Absicherung einer Forderung über 10 Millionen Euro gegen die Deutsche Bank oder Commerzbank kostet rund 1,4 Prozent, also derzeit etwa 140 000 Euro im Jahr, bei einer Laufzeit von fünf Jahren. Das ist gut zehn mal so viel wie vor dem Beginn der Finanzkrise und doppelt so viel wie beim ersten Krisenhöhepunkt im vergangenen Juli und August. Vor einigen Tagen wurden derartige Sicherungsverträge noch mit einer Jahresprämie von weniger als 100 000 Euro gehandelt.

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          Anlass für die größten Sorgen sind derzeit Hedge-Fonds, die im großen Stil und finanziert mit Krediten der Banken in Anleihen investiert haben. Diese Anleihen sind zum Teil mit Hypothekenkrediten zweifelhafter Qualität besichert. Aber auch die gehebelten Investitionen der Hedge-Fonds in erstklassige Staatsanleihen fallen ihnen nun offenbar vor die Füße. Häufig wurden solche Investitionen mit Hilfe von Kreditderivaten, Credit Default Swaps, eingegangen. Die Hedge-Fonds traten in diesen Geschäften als Sicherungsgeber auf. Sie kassierten zwar nur eine kleine jährliche Prämie. Aber weil das Geschäft vermeintlich risikoarm war, durften sie ohne große Sicherheiten riesige Positionen aufbauen. Solange es ruhig war auf den Finanzmärkten - also bis zum vergangenen Sommer -, war das Geschäft deshalb einträglich.

          Doch inzwischen ist "über diesen normalerweise in einer Schönwetterlage liegenden Markt für Kreditabsicherung auf Anleihen der EWU-Länder ein Sturm hinweggefegt", sagt Birgit Figge, Analystin der DZ-Bank. Vor dem Beginn der Finanzkrise betrug die Risikoprämie für einen Credit Default Swap auf Forderungen gegen den deutschen Staat etwa 1,3 Basispunkte, also 1.300 Euro im Jahr je 10 Millionen Euro Versicherungssumme. Mit anderen Worten: Die Absicherung des Risikos, dass Deutschland innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Pleite geht, kostete fast nichts. Inzwischen hat sich die Prämie aber auf 9000 Euro versiebenfacht. Noch stärker ist die Ausweitung für spanische Verbindlichkeiten. Die Risikoprämie hat sich auf jährlich knapp 40 000 Euro je 10 Millionen Euro versicherter Forderung verzehnfacht.

          Ausfall- gegen Liquiditätsrisiko

          Steckt hinter dieser Ausweitung die Sorge der Investoren, dass sich auch das Ausfallrisiko der Staaten erhöht hat? Daran glauben zumindest die Analysten nicht: "Nein. Da geht es nicht um Zweifel an Deutschland oder Spanien", sagt Birgit Figge. Sie erklärt die auffällige Ausweitung der Risikoprämien mit technischen Faktoren. Derartige Marktverwerfungen hält auch Philip Gisdakis, Analyst der Unicredit, für die Ursache. Viele Hedge-Fonds hätten im großen Stil und mit wenig eigenem Kapital in Credit Default Swaps auf Euro-Staatsanleihen investiert - als Sicherungsgeber. Sie hätten allein das geringe Ausfallrisiko zur Grundlage ihres Kalküls gemacht, sagt Gisdakis. Das Liquiditätsrisiko sei vernachlässigt worden.

          In den vergangenen Monaten sind aber die Sicherungsprämien für solche Geschäfte gestiegen. Das heißt, die Hedge-Fonds haben Verluste erlitten. Die Banken, die bei diesen Geschäften die Rolle der Gegenpartei spielen, haben nun das Recht, von den Hedge-Fonds zusätzliche Sicherheiten zu fordern, oder sogar, dass sie die verlustreichen Positionen auflösen. Diese erzwungenen Verkäufe vollziehen die Sicherungsgeber häufig durch den Ankauf von Credit Default Swaps, dieses Mal als Sicherungsnehmer.

          Hedge-Fonds geraten ins Schleudern, Seite 24

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