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Finanzkrise : Böses Erwachen

Im Blickpunkt: Die amerikanische Zentralbank Bild: REUTERS

Als die schlechten Nachrichten eine Zeitlang ausblieben, hatten sich die Anleger dem Glauben hingegeben, die Finanzkrise habe sich beruhigt. Der Montag zeigt: dem ist nicht so. Jetzt wird auf eine neue Zinssenkung spekuliert. Doch die scheint weder zwangsläufig noch wirklich wünschenswert.

          Das Gefährliche an Finanzkrisen ist die Gewöhnung. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hatten sich die Anleger an den Aktienbörsen durch das Ausbleiben neuer schlechter Nachrichten einlullen lassen und sich dem trügerischen Glauben hingegeben, der schlimmste Teil der Finanzkrise sei vorbei oder diese sei gar ganz überstanden.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch ein Aktienhändler brachte es am Morgen auf den Punkt. „Wir sind mitten in der Systemkrise“. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis (vgl. etwa Fannie & Freddie in der Systemkrise), nur scheint sie jetzt - erneut - bei den Anlegern anzukommen.

          Damoklesschwert AIG

          Mit der Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America und dem Konkursantrag der Lehman Brothers Holding kommen die Meldungen diesmal so geballt und sind so drastisch, dass kaum noch eine Selbsttäuschung möglich ist.

          Zudem schwebt jetzt mit der Krise des Versicherers American International Group (AIG) ein weiteres Damoklesschwert über den Märkten. AIG droht eine Abstufung der Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur S&P. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge drohen in diesem Fall Mittelabflüsse, die den Versicherer binnen 48 bis 72 Stunden vor dem Aus stehen lassen würden.

          AIG bemühe sich bei der amerikanischen Notenbank Fed um einen Überbrückungskredit von 40 Milliarden Dollar. Die Zeitung schreibt am Montag in ihrer Online-Ausgabe, es sei nicht klar, ob die Fed der Anfrage stattgeben werde.

          Politikänderung

          Mit dem Konkursantrag hat auch die Hoffnung auf weitere direkte Staatshilfen einen erheblich Dämpfer bekommen. Die amerikanische Politik scheint zu einer neuen Abwägung der Gefahren gekommen zu sein. Im Vordergrund steht offenbar nun, dass weitere Rettungsaktionen mit Hilfe von Steuergeld großen politischen Schaden anrichten könnten: zum einen bei den Wählern, denen nur schwer zu vermitteln wäre, dass die Regierung immer mehr Finanzinstitute herauspaukt, deren hoch bezahlte Manager sich auf der Jagd nach Reichtum verspekuliert haben. Zum anderen, weil solche Rettungsaktionen künftige Manager-Generationen zu kurzsichtigem Geschäftsgebaren geradezu einladen würden.

          Im Vergleich dazu wird das Risiko eines Finanzkollapses - mit seinen möglicherweise üblen Folgen auch für „den kleinen Mann“ - offenbar geringer eingeschätzt. Die Fed setzt jetzt anscheinend wieder auf die Stützung des Marktes und hat Maßnahmen angekündigt. Unter anderem will die Federal Reserve weitere Sicherheiten für die Ausgabe von Notfalldarlehen akzeptieren als bisher, wie die Zentralbank mitteilte.

          Von der Kreditzurückhaltung zur -klemme?

          Damit solle die Liquidität der Primärhändler und der Finanzmärkte allgemein verbessert werden, erklärte Fed-Chef Ben Bernanke in der Nacht zum Montag. Zudem würden die „potentiellen Risiken und Störungen der Märkte“ abgeschwächt. Die Schritte seien in enger Abstimmung mit dem amerikanischen Finanzministerium und der Börsenaufsicht SEC erfolgt, erklärte Bernanke weiter. Unterstützung erhält sie dabei von der Europäischen Zentralbank EZB, die am Montagmorgen einen neuen Schnelltender für Tagesgeld zu einem Mindestbietungssatz von 4,25 Prozent ankündigte, ohne ein Volumen festzulegen.

          Nach Einschätzung der Analysten der Commerzbank wirkt diese Aktion der Fed insgesamt allerdings fast schon etwas hilflos. Denn die jüngste Entwicklung zeigt deutlich, dass die Angst vor einer systemischen Krise des amerikanischen Finanzsystems nur allzu berechtigt ist.

          Weitere Bankpleiten, so die Commerzbank, seien nicht auszuschließen, das wechselseitige Vertrauen an den Geldmärkten könnte neue Tiefstände erreichen. Die große Gefahr sei, dass sich nicht nur das Wachstum der Kreditvergabe verlangsamt, sondern diese sogar sinke. Aus der Kreditzurückhaltung könne eine Kreditklemme werden. Politik und Banken hätten die weitere Ausbreitung der Krise nicht verhindern können, jede Maßnahme scheine sogar eine kürzere Vorhaltezeit zu haben als die vorangegangene.

          Spekulation auf Zinssenkung

          Die amerikanischen Banken würden noch geraume Zeit mit dem Aufräumen ihrer Bilanzen beschäftigt sein. Die Eigenkapitalaufnahme sei schwierig. Angesichts des unverändert massiven Abschreibungsbedarfs seien die Institute zu starken Bilanzverkürzungen gezwungen, wobei kaum zu erwarten sei, dass bei Verkäufen auskömmliche Preise zu erzielen seien. Die Analysten stellen sich darauf ein, dass dieser Prozess lange dauern werde.

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