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Deutsche Unternehmen : Unternehmen vor Rekordjahr bei Anleihen

Daimler-Mitarbeiter in Bremen Bild: AFP

Deutsche Unternehmen finanzieren sich verstärkt über Anleihen. Die Analysten von Moody’s erwarten in diesem Jahr neue Papiere von mehr als 100 Milliarden Euro.

          Die deutschen Unternehmen nehmen weniger Kredite der Banken auf. Stattdessen finanzieren sie sich zunehmend selbständig über Anleihen am Kapitalmarkt. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Ratingagentur Moody’s zur Finanzierung deutscher Unternehmen. Im laufenden Jahr erwarten die Bonitätsprüfer einen Rekord bei den Emissionen. Die neuen Anleihen könnten erstmals die Schwelle von 100 Milliarden Euro überschreiten. Dabei wird sich nach Ansicht der Moody’s-Analysten der Trend aus den Vorjahren fortsetzen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Finanzierung über Konsortialkredite, bei denen mehrere Banken einem Unternehmen ein Darlehen bereitstellen, werde weiter abnehmen. Im vergangenen Jahr sind die Kredite um 7 Prozent auf 124 Milliarden Euro gesunken, während es mit 81 Milliarden Euro 3 Prozent weniger neue Anleihen gab. Allerdings war damit Deutschland das Land in Europa mit den meisten Neuemissionen an Unternehmensanleihen. Dahinter folgte Frankreich mit 80 Milliarden Euro, was einer Zunahme gegenüber dem Jahr 2015 von rund einem Fünftel entsprach. An dritter Stelle lag Großbritannien fast gleichauf mit ebenfalls rund 80 Milliarden Euro. Der Anstieg belief sich auf 1,6 Prozent.

          Dass die deutschen Unternehmen in diesem Jahr mehr Anleihen begeben werden, dürfte nach Ansicht von Moody’s vor allem an dem Chemie- und Pharmakonzern Bayer liegen. Die Leverkusener dürften einen bedeutenden Teil des Brückenkredits von 57 Milliarden Dollar, der zur Finanzierung der Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto dient, über den Anleihemarkt finanzieren. Daneben bleibe das Umfeld für die Finanzierung über Anleihen gut, schreiben die Moody’s-Analysten.

          Zum einen erwarten sie weiterhin niedrige Zinsen im Euroraum, zum anderen schafft die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren Käufen günstige Rahmenbedingungen für Anleiheemissionen. Denn ihre Nachfrage lässt die Kurse steigen, wodurch die Renditen sinken. Seit dem 8. Juni 2016 hat die EZB insgesamt 61 Milliarden Euro an Unternehmensanleihen gekauft, wie aus einer Mitteilung der Notenbank vom Montag hervorgeht. Davon entfielen nach Berechnungen des DZ-Bank-Analysten Peter Droste fast 30 Prozent auf französische Unternehmensanleihen.

          Die Titel deutscher Unternehmen machten rund 24 Prozent aus. Auf dem dritten Platz liegen italienische Unternehmensanleihen mit knapp 13 Prozent, dahinter spanische mit knapp 10 Prozent. Im Januar hat die EZB Unternehmensanleihen für 8,4 Milliarden Euro erworben. Im vergangenen Jahr hatte sie insgesamt 51 Milliarden Euro in diese Anlageklasse investiert. Der Monatswert lag bei 7,3 Milliarden Euro. Dieser wird auch deshalb gedrückt, weil im Juni 2016 eine ganze Handelswoche für die Käufe fehlt.

          Risikoaufschläge für Staatsanleihen könnten nach oben gehen

          Die Moody’s-Analysten erwarten, dass in diesem Jahr vor allem die Chemieunternehmen und die Automobilhersteller viele Anleihen begeben werden. Im vergangenen Jahr kamen die meisten Anleihen von Daimler mit einem Emissionsvolumen von 19 Milliarden Euro. Dahinter lag BMW mit knapp 14 Milliarden Euro. In diesem Jahr rechnen die Moody’s-Analysten mit einem hohen Mittelbedarf von Volkswagen, weil der Aufwand zur Beilegung der Rechtsstreitigkeiten im Dieselskandal finanziert werden muss.

          Die Automobilkonzerne begeben vergleichsweise viele kurzfristige Anleihen mit Laufzeiten zwischen einem und drei Jahren. Das ist auf deren in der Absatzfinanzierung tätigen Banken zurückzuführen, die kürzere Laufzeiten bevorzugen. Den hohen Mittelbedarf in der Chemiebranche begründen die Analysten mit der Monsanto-Übernahme von Bayer. Insgesamt werden nach Angaben von Moody’s in diesem Jahr Anleihen und Kredite deutscher Unternehmen über 110 Milliarden Euro fällig.

          Gegenwind für Unternehmensanleihen erwartet Alasdair Ross, Anlagestratege für diesen Bereich der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle. Die populistische Politik werde auf den Märkten für Unternehmensanleihen im Jahr 2017 ein wichtiges Thema sein. Ross erwartet zwar weiterhin positive Erträge für Unternehmensanleihen. Sie würden aber niedriger ausfallen als im vergangenen Jahr.

          Damals belief sich der Ertrag für die Unternehmensanleihen aus den guten Bonitätsklassen (Investment Grade) in der ganzen Welt auf 4,7 Prozent. Er schließt nicht aus, dass die Risikoaufschläge für Staatsanleihen angesichts der politischen Risiken deutlich nach oben gehen könnten. Anziehende Konjunktur und Inflation, verbunden mit fiskalischen Anreizen, machten andere Anlageklassen wie etwa Aktien attraktiver, schreibt der Fachmann von Columbia Threadneedle.

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