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Finanzagentur : Sparschildkröte kommt an die kurze Leine

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Schildkröten werden zwar bis zu 200 Jahre alt, Günter Schild könnte aber ein weit früheres Ende ereilen. Kommt das Werbemaskottchen in die Mottenkiste, weil die Finanzagentur des Bundes künftig den Wettbewerb mit den Banken meiden muss?

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          Schildkröten werden zwar bis zu 200 Jahre alt, Günter Schild könnte aber ein weit früheres Ende ereilen. Das Werbemaskottchen der Finanzagentur Bundesrepublik Deutschland ist Hauptdarsteller einer Werbekampagne, die die Spargroschen der Deutschen in die Kassen des Finanzministers umleiten soll.

          Doch nun pfeift die neue Regierung die Sparschildkröte zurück. Grundlage ist ein Satz im Koalitionsvertrag: "Die Finanzagentur Deutschland soll unter Berücksichtigung der haushalterischen Belange des Bundes so wenig wie möglich mit Kreditinstituten in Wettbewerb treten. Die Sparschildkröte ist in Zeitschriften und Magazinen seit dem Sommer nicht mehr zu sehen.

          Neue Regierung pfeift die Sparschildkröte zurück

          Das Werbebudget - das Beobachter auf knapp 10 Millionen Euro schätzen - werde in diesem Jahr nicht vollständig ausgeschöpft, sagte ein Sprecher der Finanzagentur, die die Schuldenaufnahme des Bundes organisiert. Die Agentur habe ihren Werbeaufwand auch deshalb reduziert, weil bei den derzeit geringen Zinsen kein Marketingerfolg zu erwarten sei, der in einem angemessenen Verhältnis zu den Kosten steht.

          Damit erhalten die ehrgeizigen Pläne der Finanzagentur einen empfindlichen Dämpfer. Sie hat ihre Anstrengungen in den vergangenen Jahren darauf gerichtet mehr Geld direkt bei den Privatanlegern einzusammeln. Langfristig sollten über den Direktvertrieb bis zu 5 Prozent der gesamten Schuldtitel veräußert werden. In den neunziger Jahren lag der Anteil bei rund 15 Prozent. Doch danach waren die Zinsen stark gefallen, und die meisten Sparer verloren das Interesse an Bundesschatzbriefen und Bundesobligationen.

          Die vor zwei Jahren begonnene Wiederbelebung des Direktvertriebs blieb nicht ohne Wirkung. Die Tagesgeldanleihe brachte dem Bund zeitweise mehr als 3 Milliarden Euro ein. Inzwischen sind es 2,6 Milliarden Euro. Für die Finanzierung des Bundes spielt das nur eine Nebenrolle und auch gemessen an den Spareinlagen des Bankensystems fallen solche Summen kaum ins Gewicht. Gleichwohl murren die Banken. Die Finanzagentur trete als Direktbank auf, ohne eine Banklizenz zu haben, schimpfte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband im vergangenen Jahr. Schon damals unterstützten Politiker aus Union und FDP die Forderung nach Mäßigung. Nun haben die Banken Steffen Kampeter als Fürsprecher, den neuen parlamentarischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Die Tagesanleihe verdränge Angebote privater Banken, sagte er kürzlich. Neue Produkte müssten darauf geprüft werden, ob sie den ordnungspolitischen Grundsätzen entsprächen.

          Diese Vorgabe bremst den Elan der Finanzagentur. Sie hatte schon vor zwei Jahren die Schaffung eines Sparplans nach der Art von Anleihefonds in Aussicht gestellt. Später wurde Ende 2009 als möglicher Termin genannt. Doch inzwischen hat es die Finanzagentur mit dem Produkt, das auf einem Korb von Bundesanleihen basieren sollte, nicht mehr eilig.

          Gebührenfreien Depotkonto bei der Finanzagentur

          Privatanleger können gleichwohl weiter unter einigen Anlageprodukten wählen, die sie direkt bei der Finanzagentur auf einem gebührenfreien Depotkonto verwahren lassen können. Die Tagesgeldanleihe ist variabel verzinst und kann täglich ohne Kursrisiko verkauft werden. Der Zins wird täglich an die Verhältnisse auf dem Geldmarkt angepasst und liegt derzeit bei 0,28 Prozent. Wichtigstes Produkt für den Direktverkauf an Privatanleger ist immer noch der seit Generationen bekannte Bundesschatzbrief. Er bietet eine kleine, jährliche steigende Verzinsung von derzeit durchschnittlich 2,5 Prozent bei einer Laufzeit von sechs Jahren. Da die Titel auch vor dem Ende der Laufzeit zum Nennwert zurückgegeben werden können, riskieren die Anleger keine Kursverluste. Auch andere Bundestitel wie Bundesanleihen, Finanzierungsschätze und Obligationen können die Sparer bei der Finanzagentur kaufen und dort ohne zusätzliche Kosten verwahren lassen.

          Die Finanzagentur muss das Geschäft mit den Privatanlegern so gestalten, dass die Verschuldung auf diesem Weg für den Bund nicht teurer ist als die Schuldenaufnahme bei institutionellen Anlegern. Gleichwohl ist der Direktvertrieb mit hohen Kosten verbunden. Das Werbebudget habe in einigen Jahren deutlich mehr als 10 Millionen Euro betragen, obwohl der Anteil des Direktvertriebs an der Schuldenaufnahme weniger als 2 Prozent ausgemacht habe, berichten ehemalige Mitglieder der Finanzagentur. Gleichzeitig habe das Reisebudget für die Abteilung Investor Relations, die den Kontakt zu den Großanlegern hält, lediglich rund 150 000 Euro ausgemacht. Die höheren Kosten des Direktvertriebs und der Verwaltung der Depots finanziert die Finanzagentur durch verringerte Zinssätze, legt sie also auf die Privatanleger um.

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