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Fed-Politik scheitert : Anleger an der Wall Street verlieren Angst vor Inflation

  • -Aktualisiert am

Muss wieder höhere Zinsen zahlen: das Finanzministerium in Washington Bild: AFP

Inflationsgeschützte Staatsanleihen in Amerika verlieren kräftig an Wert. Die Fed stößt an ihre Grenzen. Sie scheint den Kampf gegen einen nachlassenden Anstieg der Verbraucherpreise zu verlieren.

          Amerikanische TIPS waren in diesem Jahr keine gute Anlageempfehlung. Die unter diesem Akronym bekannten inflationsgeschützten Staatsanleihen haben 2013 kräftig an Wert verloren. Gemessen an einschlägigen Marktbarometern der Bank of America Merrill Lynch, sind die Kurse der Treasury Inflation-Protected Securities seit Jahresanfang um fast 9 Prozent gefallen – so stark wie noch nie seit ihrer Einführung im Jahr 1997. Investmentfonds, die auf TIPS spezialisiert sind, meldeten heftige Geldabflüsse. Bei Anlegern setzt sich damit offenbar die Einschätzung durch, dass die amerikanische Notenbank Fed ihren Kampf gegen einen nachlassenden Anstieg der Verbraucherpreise verliert. Die im September und Oktober kurzzeitig gestoppte Verkaufswelle im Markt für TIPS nahm wieder an Fahrt auf, weil die Verbraucherpreise im Oktober gegenüber dem Vorjahr nur um 1 Prozent zugelegt hatten. Das war der schwächste Zuwachs seit Oktober 2009.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          „Wenn die Inflation zurückgeht oder extrem niedrig ist, sind TIPS kein großartiges Anlageinstrument“, sagte Gary Pollack von der Deutschen Bank gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Pollack verantwortet den Handel mit festverzinslichen Wertpapieren für die auf Privatkunden spezialisierte Vermögensverwaltung der Bank. „Ich vermeide TIPS. Ich glaube nicht, dass Inflation in den kommenden drei bis sechs Monaten ein Thema wird.“ Mit TIPS können sich Anleger vor steigender Inflation schützen, die selbst für sichere Anlagen wie Staatsanleihen ein Restrisiko darstellt. Liegen die Preissteigerungen bei Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs nämlich über der Verzinsung der Staatspapiere, machen Anleger einen realen Verlust. Mit inflationsgeschützten Anleihen können Anleger jedoch die Kaufkraft ihres investierten Kapitals erhalten. Der Grund: Die vom amerikanischen Finanzministerium emittierten Anleihen bieten neben dem Zinskupon auch eine Ertragskomponente, die an den Verbraucherpreisindex gekoppelt ist. Auch in Deutschland gibt es derartige Anleihen. Der Wert des Kapitals der TIPS-Papiere steigt mit steigenden Verbraucherpreisen und nimmt ab, wenn die Preise fallen.

          Sorgen vor Inflation unbegründet

          Die Fed strebt eine Inflationsrate von 2 Prozent an, gemessen am Index der Verbraucherpreise. Um das Wachstum der Wirtschaft zu beflügeln, hatte die Fed 2008 die Leitzinsen auf nahezu null Prozent zurückgenommen. Dazu erwirbt die Notenbank jeden Monat Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Wert von 85 Milliarden Dollar, um die langfristigen Zinsen niedrig zu halten und Investitionen anzuregen. Die Fed wird bei ihrer Sitzung in dieser Woche möglicherweise eine Drosselung des Kaufprogramms beschließen. Das Ausstiegsszenario hat schon zu einem allgemein höheren Zinsniveau an den amerikanischen Rentenmärkten und entsprechenden Kursverlusten von TIPS und regulären Anleihen geführt. Kurse von Anleihen fallen mit steigenden Renditen und umgekehrt. Noch vor zwei Jahren hatten Volkswirte und Anleger den Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke in einem offenen Brief gewarnt, dass eine extrem lockere Geldpolitik zu ausufernder Inflation führen würde. Diese Sorgen haben sich allerdings nicht bewahrheitet.

          Unternehmen haben in den vergangenen Jahren versucht, ihre Gewinne durch Sparmaßnahmen und Effizienzsteigerungen zu steigern. Sie haben in neue Computerprogramme investiert, aber nur verhalten neue Mitarbeiter eingestellt. Die Löhne wachsen daher nur unterdurchschnittlich. Das wird nach Einschätzung von Marktakteuren wahrscheinlich die Ausgabenfreude der Verbraucher dämpfen. Einzelhändler dürften ihre Preise deswegen kaum anheben, meint Dan Heckman, der für die Vermögensverwaltung der Regionalbank U.S. Bank die Anleihestrategie festlegt. „Es ist sehr schwierig, irgendeine Art von Lohnsteigerungen zu erhalten“, sagt Heckman, der TIPS wegen des ausbleibenden Inflationsdrucks ebenfalls meidet. Anleger scheinen generell den Glauben daran zu verlieren, dass die Fed das Preisniveau erfolgreich beeinflussen kann. „Die Vorstellung, dass Notenbanken immer die Inflationsrate bekommen, die sie haben wollen, wird verschwinden“, sagte der Ökonom Peter Fisher von der Fondsgesellschaft Blackrock gegenüber Bloomberg. Fisher, der früher in hochrangiger Position für das Finanzministerium und die Fed tätig war, hält langfristig eine Inflationsrate von 1 Prozent für möglich.

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