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Amerikanische Geldpolitik : Fed-Chefin spielt auf Zeit

Fed-Gouverneurin Yellen will die Situatiuon genau beobachten. Bild: AFP

Immer wenn sich die Stimmung an den Finanzmärkten trübt, richtet sich der Blick auf die Notenbanken. Fed-Präsidentin Yellen will sich aber nicht drängen lassen.

          Die Finanzmärkte haben sich in den vergangenen Wochen eines erheblichen Pessimismus‘ befleißigt. Ein Rückgang der amerikanischen Industrieproduktion bei gleichzeitig hoher Unsicherheit um die Entwicklung Chinas hat die Börsianer verunsichert und lässt sie das Schlimmste befürchten. Wie üblich wendet sich da der Blick zu den Zentralbanken und hier allen voran zur amerikanischen Notenbank Fed. Unmöglich könne die Fed wie geplant in diesem Jahr viermal die Zinsen anheben. Halte sie an diesem Kurs fest, drohe sie die Lage zu verschärfen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Insofern wurde der Rede von Notenbankpräsidentin Yellen vor dem amerikanischen Kongress am Mittwoch große Bedeutung beigemessen. Deutliche Ankündigungen aber blieben aus. Wie zu erwarten war, tat die Notenbankgouverneurin den Finanzmärkten nicht den Gefallen, auf ihren kurzatmigen Sorgenkurs einzuschwenken. Ja, der Arbeitsmarkt könne sich noch weiter verbessern, ja, die Aussichten der chinesischen Wirtschaft seien unsicher und das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft im vierten Quartal stärker zurückgegangen.

          Doch der private Verbrauch steige weiter. Seit dem Sommer habe die amerikanische Wirtschaft sich weiter in Richtung maximaler Beschäftigung bewegt und die deutlich gefallenen Ölpreise könnten ein stärkerer Wachstumsimpuls für die amerikanische Wirtschaft sein als vermutet.

          Wie immer gilt es, auf Zwischentöne zu achten. So zeigt allein die ausführliche Beschäftigung Yellens mit den Wachstumssorgen, dass sie diese Sorgen nicht für weit hergeholt hält. So konstatierte sie Abwärtsrisiken aus den fallenden Rohstoffpreisen für die amerikanischen Exporte, nachdem sie zuvor geringere Nettoausfuhren als einen der Gründe für das schwächere Wachstum herausgestellt hatte. Zwar räumte sie ein, dass es Wachstumsimpulse geben könne, doch werde die Fed die Situation genau beobachten. Sorgenfreiheit klingt anders.

          Immer wieder sagte Yellen, dass der Arbeitsmarkt noch Verbesserungspotential habe, während ein Inflationsanstieg eher mittelfristig auf der Agenda stehe. Zwar scheint die Notenbankpräsidentin nicht akut besorgt zu sein, doch hat der Arbeitsmarkt kurzfristig offenbar mehr Gewicht. Auch in der Vergangenheit hatte die Fed Zinserhöhungen immer wieder stärker von der Entwicklung des Arbeitsmarktes als der Inflationsrate abhängig gemacht.

          Zinserhöhung bleibt Mittel der Wahl

          Allerdings sagte Yellen auch, dass man eine vorausschauende Zinspolitik betreiben wolle, um die Zinsen eben nicht zu spät und dann zu rasch anheben zu müssen. Insgesamt lässt sich hier herauslesen, dass die Fed zwar weiter zu ihrer Absicht steht, aber dass sie weniger entschlossen scheint, in diesem Jahr tatsächlich vier weitere Zinserhöhungen vornehmen zu wollen.

          Wenn diese kommen, werden es wohl zudem keine großen Schritte sein. Die Geldpolitik sei weiter akkommodierend. Zudem werde der neutrale Leitzins noch längere Zeit unter dem historischen Durchschnitt bleiben. Aber: Der Kurs der Geldpolitik sei niemals unwiderruflich festgelegt.

          In einem Punkt ist Yellen jedoch ganz deutlich: Die Fed wird die geldpolitischen Zügel jedenfalls über Zinserhöhungen anziehen, nicht durch den Verkauf von Anleihen aus ihren Beständen. Allerdings scheint sie gleichfalls nicht zu planen, die Käufe auszuweiten: Man werde die Politik fortsetzen, Zinszahlungen und Tilgungsleistungen zu reinvestieren.

          Allenfalls ein leichtes Abrücken

          Letztlich also kann man aus der Rede Yellens allenfalls eine leichte Aufweichung des Kurses herauslesen. Tatsächlich aber scheint Yellen vor allem Zeit gewinnen zu wollen, auf dass sich die Märkte beruhigen. Allerdings, so Harm Bandholz, Chefökonom der Unicredit für Amerika, bestehe die Gefahr, dass je länger die Unruhe an den Finanzmärkten anhalte, die Furcht vor den Risiken zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werde.

          Es wäre nicht das erste Mal, dass eine amerikanische Zentralbank nach einer Zinserhöhung einen Kurswechsel vornimmt. Dies war in den Neunziger und Achtziger Jahren jeweils schon einmal der Fall gewesen.

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