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EZB-Tender : Hoffnung auf neue „Sarko-Trades“

  • -Aktualisiert am

Neue Daten der EZB: Die Käufe von Staatsanleihen nehmen zu Bild: Röth, Frank

Das zweite Langfristgeschäft der EZB steht an. Erwartet wird, dass die Nachfrage abermals groß sein wird. Die Banken kaufen fleißig Staatsanleihen.

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          Für den zweiten Langfristtender der Europäischen Zentralbank mit der ungewöhnlich langen Laufzeit von drei Jahren stellen sich die Finanzmärkte in dieser Woche abermals auf eine Nachfrage von einer halben Billion Euro ein. Beim ersten Finanzierungsgeschäft dieser Art haben sich die Banken im Dezember 489 Milliarden Euro geliehen. Einen guten Teil des Geldes dürften die Banken auch dieses Mal für Staatsanleihen ausgeben. Das legen zumindest neue Daten der EZB nahe.

          Spanische Banken haben ihren Bestand von Staatsanleihen der Euroländer im Januar um die Rekordsumme von 23,1 Milliarden auf 229,6 Milliarden Euro erhöht, wie aus Daten der EZB hervorgeht. Eine Aufschlüsselung nach den einzelnen Anleiheemittenten ist darin nicht enthalten. In Italien stieg das Volumen um den monatlichen Spitzenwert von 20,6 Milliarden Euro auf 280 Milliarden Euro. Auch Banken aus Irland, Frankreich und Deutschland erhöhten ihre Bestände.

          Auf Europapartner angewiesen

          Portugal und Griechenland hingegen, die auf Milliardenhilfen ihre Europartner angewiesen sind, bauten ihren Vorrat an Staatsanleihen etwas ab. Auf spanische und italienische Banken war beim ersten Langfristgeschäft im Dezember mehr als die Hälfte der Nachfrage entfallen. Zehnjährige italienische Staatsanleihen rentierten mit rund 5,5 Prozent, während ein Kredit bei der Zentralbank für den Leitzins von derzeit 1 Prozent zu haben ist. Schon im Dezember setzte sich für diese Art von Geschäft im Händlerjargon die Bezeichnung „Sarko-Trade“ durch, benannt nach dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der in Bezug auf die Ausweitung der Krisenhilfen der EZB sagte: „Das bedeutet, dass jetzt jeder Staat zu seinen Banken gehen kann, die Liquidität zu ihrer Verfügung haben werden.“

          Der Langfristtender hat dazu beigetragen, die Kreditvergabe im Euroraum zu stabilisieren. Nachdem der Bestand an Unternehmenskrediten im Dezember noch um 35 Milliarden Euro gesunken war, ging dieser Wert im Januar nur noch um 1 Milliarde Euro zurück. Die an private Haushalte vergebenen Kredite nahmen sogar zu.

          Die Nachfrage bei dem am Mittwoch bevorstehenden zweiten Finanzierungsgeschäft mit drei Jahren Laufzeit, das am Donnerstag abgewickelt wird, schätzen die Banken im Durchschnitt auf etwas weniger als 500 Milliarden Euro. Allerdings liegen die Prognosen weit auseinander, zumal niemand abschätzen kann, über wie viel Sicherheiten die Banken noch verfügen, die besonders dringend auf das Geld angewiesen sind. Barclays Capital erwartete rund 350 Milliarden Euro.

           

          „Wir haben Liquidität genug“

          Der Vorstandsvorsitzende der größten globalen Bank des Westens, HSBC Holdings, hat die Beteiligung des Konzerns an dem neuen Dreijahrestender der Europäischen Zentralbank (EZB) gerechtfertigt. Bei Vorlage des Jahresergebnisses der Bank sagte Stuart Gulliver: „Dies ist ein extrem wichtiges Geschäft der EZB, das den Markt stabilisiert. Wir brauchen die Liquidität nicht, aber es bietet sich einfach an, bei der Refinanzierung zuzugreifen, um damit unser Kreditgeschäft mit Unternehmen zum Beispiel in Frankreich und Irland zu stützen.“ Bei dem ersten Langfristtender im Dezember hatte HSBC nach Angaben von Gulliver 5,2 Milliarden Euro vor allem für die Operationen der Bank in Frankreich und Spanien aufgenommen. In dieser Woche wolle HSBC nochmals 320 bis 350 Millionen Euro nachfragen.

          „Wir haben Liquidität genug. Wir haben allein 130 Milliarden Dollar in bar bei diversen Zentralbanken der Welt deponiert“, sagte Gulliver: „Wir haben eines der niedrigsten Verhältnisse von Krediten zu Spareinlagen der gesamten Konkurrenz. Aber dies sind Programme der Notenbanken, die wichtig sind und die wir unterstützen.“ Die Bank hatte sich auch im Jahr 2008 an dem Sonderliquiditätsprogramm der Bank von England beteiligt, um dem Markt zu signalisieren, dass eine Beteiligung an dem Angebot der Notenbanken keinem Stigma unterliege. Freilich rechnet sich das Geschäft auch für die Bank, räumte Gulliver weiter ein, und zwar sowohl bei der Nutzung der billigen Liquidität für Unternehmenskredite wie auch für den Kauf von Schatzwechseln des französischen Staates.

          Unterdessen hieß es in London, dass die teilverstaatlichte Lloyds Banking Group 10 Milliarden Euro bei der EZB nachfragen werde. Lloyds hatte sich an dem Tender im Dezember nicht beteiligt, will jetzt aber die neuen liquiden Mittel für Kreditgeschäft in Irland, den Niederlanden und Spanien nutzen. Die weitgehend verstaatlichte Royal Bank of Scotland will offenbar 5 Milliarden Euro Liquidität nachfragen, um die Refinanzierung ihrer irischen Ulster Bank zu stärken.

          Deutsche Banken sind sehr skeptisch

          Deutsche und österreichische Banken sind die Institute in Europa, die die aktuelle Geschäftsentwicklung mit der größten Skepsis beurteilen. Wie aus einer am Montag veröffentlichten Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young hervorgeht, schätzen 10 Prozent der in Deutschland befragten 50 Führungskräfte aus der Kreditwirtschaft die Geschäftslage negativ ein. Eine ähnlich schlechte Beurteilung gab es im Juni 2009, als die Banken noch unter dem Eindruck der Lehman-Pleite gestanden hatten. Skeptischer als die deutschen Banken sind nur noch die österreichischen, von denen 12 Prozent die Lage als schlecht einschätzen.

          Die Umfrage, die Ernst & Young im Januar unter Führungskräften von 500 Banken in Europa durchgeführt hatte, zeigt auch das überraschende Ergebnis, dass Banker in den Euro-Krisenländern Italien und Spanien deutlich zuversichtlicher nach vorne blicken. „Die Frage ist dabei schon, ob in manchen Ländern die Situation wirklich realistisch eingeschätzt wird“, sagte Dirk Müller-Tronnier, der bei Ernst & Young den Bereich Banken und Kapitalmärkte verantwortet.

          Vor allem die Euro-Staatsschuldenkrise treibt die deutschen Bankmanager um. Sollte ein staatlicher Schuldner ausfallen, erwarten 55 Prozent erhebliche Belastungen. Europaweit sind es 42 Prozent. Zudem erwarten 28 Prozent der deutschen Banker in den kommenden sechs Monaten eine Besserung an den Finanzmärkten, 24Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Fast jeder vierte Bankmanager geht von einem Stellenabbau aus. (maf.)

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