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Kaufprogramm : Der EZB gehen die Staatsanleihen aus

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), spricht während der EZB-Pressekonferenz in Frankfurt am Main. Bild: AFP

Die Europäische Zentralbank hat im aktuellen Kaufprogramm schon Anleihen über mehr als 1,2 Billionen Euro erworben. Die Möglichkeiten zu neuen Käufen werden immer weniger. Optionen werden geprüft.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Kaufprogramm für Anleihen doch noch nicht ausgeweitet. Dabei hätten die zurückhaltenden Prognosen für Wachstum und Inflation einen solchen Schritt durchaus gerechtfertigt. Doch inzwischen gehen EZB-Präsident Mario Draghi die Kaufmöglichkeiten aus. Die zuständigen Ausschüsse seien vom EZB-Rat mit der Bewertung von Optionen beauftragt worden, um die reibungslose Umsetzung des Wertpapier-Kaufprogramms sicherzustellen, sagte er am Donnerstag nach der Sitzung des für die Geldpolitik verantwortlichen Gremiums der Notenbank. Eine Verlängerung sei aber auf der jüngsten Sitzung nicht besprochen worden, so Draghi. Bislang hat das Kaufprogramm ein Volumen von 1,7 Billionen Euro.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch am Markt wird eine Ausweitung erwartet. „Da Inflation und Inflationserwartungen weiter deutlich unter dem Ziel der EZB liegen, wird ihre Zurückhaltung hinsichtlich einer geldpolitischen Lockerung vermutlich nicht mehr lange anhalten“, sagt Timothy Graf, leitender Stratege des Vermögensverwalters State Street Global Markets. Die EZB hat nach Ansicht von Ulrich Wortberg, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), zwar nicht die hohen Erwartungen des Marktes erfüllen können. Allerdings erkennt er bei Draghi noch Handlungsbereitschaft, weil dieser die Prüfung weiterer Optionen im Kaufprogramm angekündigt hat.

          Im aktuellen Kaufprogramm hat die EZB schon Staatsanleihen, Pfandbriefe, Kreditverbriefungen und Unternehmensanleihen über mehr als 1,2 Billionen Euro erworben. Inzwischen kauft sie jeden Monat für 80 Milliarden Euro Wertpapiere. Doch die Wucht lässt der Zentralbank und den ihr angeschlossenen Notenbanken wie zum Beispiel der Bundesbank immer weniger Möglichkeiten zu neuen Käufen, wenn die eigenen, in der Zwischenzeit schon aufgeweichten Beschränkungen nicht noch weiter gelockert werden.

          Die EZB kauft nur Anleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren. Darüber hinaus kauft sie von einer Staatsanleihe nur 33 Prozent des Emissionsvolumens. Sind die Titel mit einer Umschuldungsklausel (Collective Action Clause) ausgestattet, sind es nur 25 Prozent. Die EZB setzt sich diese Grenzen, weil sie bei Umschuldungen keine Sperrminorität haben will. Sie könnte dann Beschlüsse anderer Gläubiger verhindern. Doch bei anderen Anleihen sieht die EZB das Problem nicht. Von Unternehmensanleihen kann sie nach eigenen Vorgaben sogar 70 Prozent einer Emission kaufen. Bei supranationalen Institutionen hat die EZB die Grenze im März von 33 auf 50 Prozent angehoben.

          Schließlich dürfen die Renditen der Anleihen nicht unterhalb der kritischen Marke von minus 0,4 Prozent liegen. Von den Bundesanleihen befinden sich inzwischen alle Laufzeiten bis zu sieben Jahren unter dieser Marke. Diese entspricht dem Einlagensatz, der für die Geschäftsbanken seit geraumer Zeit einen Strafzins darstellt, den sie an die Notenbank zahlen müssen, wenn sie überschüssige Gelder bei ihr parken. Dabei verschärft die EZB mit ihren Anleihekäufen das Problem. Denn damit fließen den Geschäftsbanken Gelder zu. Sie haben bei der Zentralbank mittlerweile mehr als 1 Billion Euro geparkt. Das ist ein Höchstwert, der auf die Anleihenkäufe der EZB zurückzuführen ist. Fiele die Renditeuntergrenze von minus 0,4 Prozent für Anleihekäufe, dann nähme die EZB mit ihren Käufen bewusst Verluste in Kauf. In der Bundesbank dürfte dies kritisch gesehen werden.

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          Nach Angaben von Mario Gruppe, Analyst der Norddeutschen Landesbank (Nord LB), weisen inzwischen Staatsanleihen aus den Euroländern im Volumen von 4,26 Billionen Euro eine negative Rendite auf. Das sind gut 70 Prozent vom gesamten Umlauf. In den vergangenen drei Monaten sind Staatsanleihen von mehr als 1 Billion Euro in den negativen Bereich abgerutscht. Unter minus 0,4 Prozent notierten inzwischen Staatsanleihen im Wert von 2,44 Billionen Euro oder rund 40 Prozent, fügt Gruppe hinzu.

          Zu den insgesamt 6 Billionen Euro an Staatsanleihen aus der Eurozone kommen noch 1,5 Billionen Euro an Schuldtitel hinzu, die von staatsnahen Emittenten wie zum Beispiel der Förderbank KfW, von supranationalen Institutionen wie etwa dem Euro-Rettungsfonds ESM oder von unteren staatlichen Ebenen wie zum Beispiel den Bundesländern begeben worden sind. Aber auch hier tragen immer mehr Titel ein Minuszeichen vor der Rendite. Nach Angaben des Nord-LB-Analysten trifft das für Anleihen aus diesem Spektrum über 669 Milliarden Euro zu. Davon liegen inzwischen Papiere im Volumen von 262 Milliarden Euro unter dem Einlagensatz von minus 0,4 Prozent.

          Um die Verknappung der für Käufe in Frage kommenden Staatsanleihen zu verhindern, stehen der EZB nach Ansicht von Dierk Brandenburg, Analyst für Staatsanleihen bei der Fondsgesellschaft Fidelity International, zwei Optionen offen. Erstens könne sie den Einlagensatz weiter als die aktuellen minus 0,4 Prozent reduzieren und mehr kurzlaufende Anleihen kaufen. Dadurch würden die Zinskurven von Staatsanleihen der europäischen Kernländer steiler und sich Anleihen mit langen Laufzeiten weiter in den negativen Bereich bewegen. Doch Brandenburg rechnet mit Widerstand der europäischen Banken, da ihre Zinsspannen schon stark unter Druck stehen. Als zweite Option erwartet der Fidelity-Fachmann, dass die EZB ihre Käufe von knappen Papieren wie Bundesanleihen reduzieren und stattdessen mehr Anleihen aus Italien erwerben wird. Das hält er aber für eine politisch heikle Entscheidung, die der EZB-Rat wohl erst nach langwierigen Beratungen Ende des Jahres treffen werde.

          Das Zögern des EZB-Rates erklärt sich Stephen Yeats, Zinsstratege von State Street Global Advisors, auch mit der geldpolitischen Sitzung der amerikanischen Notenbank am 21. September, die abgewartet wird. Nun rechnet Yeats aber mit zunehmenden Erwartungen am Markt, dass die EZB im Oktober oder Dezember reagieren wird, und insbesondere dass sie ihr Kaufprogramm von Wertpapieren über den März 2017 hinaus verlängern wird.

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