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Nullzinspolitik der EZB : Draghis Kaufprogramm radiert die Zinsen aus

Der Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main Bild: dpa

Dank der Geldpolitik der EZB sind die Renditen der Staatsanleihen deutlich gefallen. Deutschland kann sich für fünf Jahre zum Nullzins verschulden. Das freut den Finanzminister. Für Anleger ist es eine schlechte Nachricht.

          Wirklich feiern lassen kann sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble für den ausgeglichenen Haushalt im vergangenen Jahr nicht. Denn die „schwarze Null“ hat der deutsche Staat insbesondere dem niedrigeren Zinsaufwand zu verdanken, und dafür ist der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, verantwortlich. Sollte der EZB-Rat an diesem Donnerstag ein Kaufprogramm für Staatsanleihen beschließen und damit die Erwartungen der Finanzmärkte bestätigen, dürften die Marktzinsen für Staatsanleihen weiter sinken. Seitdem Draghi diese Variante der geldpolitischen Lockerung im November mit der Ausweitung der EZB-Bilanzsumme von 2 auf 3 Billionen Euro angedeutet hatte, steigen die Kurse der Staatsanleihen. Damit verbunden sinken die Renditen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die zehnjährigen Renditen deutscher und französischer Staatsanleihen haben sich in diesem Zeitraum auf 0,45 beziehungsweise 0,696 Prozent halbiert. Musste der deutsche Staat im Jahr 2007 für seine Bundesanleihen noch einen durchschnittlichen Zins von 4,2 Prozent zahlen, sind es nun 2,4 Prozent. Die Zinsausgaben des Bundes beliefen sich im vergangenen Jahr auf 26 Milliarden Euro. Das sind 5 Milliarden Euro weniger als im Jahr 2013. Sechs Jahre zuvor waren es noch mehr als 40 Milliarden Euro. Nach Berechnungen der Bundesbank hat der deutsche Staat durch den Zinsverfall seit dem Jahr 2007 rund 42 Milliarden Euro eingespart.

          Zinskupons von null Prozent gab es schon 2012

          So erfreulich die Nullzinspolitik der EZB für Finanzminister Schäuble ist, der Anleger kann sich darüber nicht freuen. Denn nach Berechnungen der Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) liegen inzwischen mehr als 60 Prozent der Bundesanleihen im negativen Renditebereich. Das entspricht in absoluten Zahlen einem Umlauf von fast 674 Milliarden Euro, bei denen der Staat mit seinen Schulden Geld verdient. In Frankreich sind es 38 Prozent der Staatsanleihen, das entspricht einem Volumen von 455 Milliarden Euro. In den Niederlanden ist es fast die Hälfte der Anleihen, also 165 Milliarden Euro.

          Am Mittwoch begab der Bund erstmals eine fünfjährige Anleihe mit einem Zinskupon von null Prozent. Die Investoren fragten 4,5 Milliarden Euro nach, was unter dem Angebot von 5 Milliarden Euro lag. Die schwache Nachfrage sorge dafür, dass die Durchschnittsrendite mit 0,04 Prozent knapp im positiven Bereich blieb. Zinskupons von null Prozent hat es seit Mai 2012 schon bei zweijährigen Anleihen gegeben. Seitdem hat der Bund – einschließlich der Auktion vom Mittwoch – insgesamt 105 Milliarden Euro zu einem Zins von null Prozent begeben.

          Ein klares Signal, dass die Währungsunion keine Union ist

          Die Erwartungen am Finanzmarkt bezüglich des Kaufvolumens der EZB sind zuletzt gestiegen. Waren die Bankvolkswirte vor Wochen noch von 500 Milliarden Euro ausgegangen, so wäre dies nach Ansicht von Anshu Jain, Ko-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, eine Enttäuschung. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte er, dass der Markt ein Volumen von 750 Milliarden Euro erwarte. Ähnlich sieht es Holger Sandte, Analyst der schwedischen Nordea Bank. Ein kleines Programm von 500 Milliarden Euro würde in den Handelsräumen Enttäuschung auslösen. Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei EZB-Vertreter, dass die Zentralbank über ein monatliches Ankaufvolumen von 50 Milliarden Euro nachdenkt. Die Käufe sollten im März beginnen und bis Ende 2016 gehen. Dies entspräche einem Gesamtvolumen von mehr als 1 Billion Euro.

          Nordea-Analyst Sandte sieht die sich zuletzt abzeichnende Variante, dass die einzelnen Notenbanken nur die Staatsanleihen ihres Staates kaufen, um die Haftungsrisiken zu beschränken, kritisch. Blieben die Verlustrisiken vollständig bei den nationalen Notenbanken, wäre dies ein klares Signal, dass die Währungsunion keine Union sei. „Je weniger sich die EZB jetzt traut, desto mehr wird sie später nachholen müssen“, so Sandte.

          Durch das Anleihekaufprogramm der EZB erwartet Jain tiefgreifende Auswirkungen für die europäischen Banken. Ein breit angelegter Kauf würde die Stabilität in Europa erhöhen. Es werde weniger Insolvenzen geben. Die Banken müssten weniger Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite bilden. Doch Jain betrachtet die sehr niedrigen Zinsen auch als Gefahr. „Die Zinsmargen der Banken würden weiter zerstört, was natürlich eine große Herausforderung sein wird.“ Einlagengeschäft und Handel würden in Mitleidenschaft gezogen.

          Französische Staatsanleihe überzeugt mit höherer Rendite

          Die deutschen Banken sehen das EZB-Anleihekaufprogramm sehr kritisch. Auf die Gefahr von Vermögenspreisblasen, der falschen Bewertung von Risiken und der Fehllenkung von Investitionen wies am Mittwoch Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) hin. „Wie in der Medizin kann es auch bei geldpolitischen Maßnahmen im Falle einer Überdosierung schnell zu gefährlichen Nebenwirkungen kommen“, sagte er.

          Am Markt rechnen die meisten Analysten inzwischen damit, dass die EZB nicht nur Staatsanleihen kaufen wird, sondern zum Beispiel auch Schuldtitel regionaler Gebietskörperschaften wie zum Beispiel der Bundesländer oder von staatlichen Förderbanken wie etwa der KfW. Auch Unternehmensanleihen mit guter Kreditwürdigkeit könnten dazu gehören. Das würde den Anlagenotstand institutioneller Investoren wie Versicherern, Banken oder Fonds weiter verschärfen. Denn die Zentralbank würde auch auf diesen Märkten die Preise für Schuldtitel nach oben treiben und damit die im Vergleich zu Staatsanleihen etwas attraktiveren Zinsen drücken.

          Auch am sehr langen Ende befinden sich die Renditen für Staatsanleihen inzwischen auf historischen Tiefs. Die 30-jährige Bundesanleihe wirft noch 1,165 Prozent ab. Die französische Staatsanleihe weist in dieser Laufzeit eine Rendite von 1,592 Prozent auf. Die Analysten der französischen Großbank Société Générale führen die zuletzt gute Kursentwicklung von 30-jährigen Staatsanleihen auf die Suche der Investoren nach Rendite zurück.

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