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Strategie der Zentralbanken : Wie finden wir raus aus den Niedrigzinsen?

Das EZB-Gebäude in Frankfurt am Main Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank hält an ihrer Nullzinspolitik fest. Das muss bald ein Ende haben - auch wenn es erst einmal ungemütlich wird. Genau die Anlagen, die bisher am meisten profitiert haben, könnten am stärksten leiden.

          Wenn die Sitzungen der wichtigsten Notenbanken näher rücken, herrscht eine gewisse Spannung an den Märkten. Sogar in Tagen wie diesen, wenn wenig Wegweisendes zu erwarten ist: weder von der allmonatlichen Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag noch von der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zwei Wochen später.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass der Blick auf die beiden Notenbanken dennoch zwischen Hoffen und Bangen ist, zeigt vor allem, wie groß die Abhängigkeit der Anleger vom billigen Geld und von den niedrigen Zinsen geworden ist. Die Geldpolitik sei für die Finanzmärkte wie eine Droge, meinen Ökonomen. „Die Prognose darüber, wie lange der Junkie braucht, bis er von allein clean wird, wage ich nicht“, sagt Hans-Werner Sinn, der langjährige Leiter des Ifo-Instituts.

          Die Frage ist erst mal, ob der „Junkie“ den Ausstieg überhaupt schafft. Und wenn ja, wann und auf welche Weise. Zwei Therapien sind möglich: eine auf die harte Tour, mit entsprechenden Entzugserscheinungen. Oder der Abhängige wird schrittweise und mit Hilfe von Drogenersatzstoffen entwöhnt. So oder so - ohne Schmerzen wird es nicht gehen. Das wird jeder Anleger zu spüren bekommen.

          Märkte reagieren auf EZB-Entscheidungen

          Wie groß Abhängigkeit und Nervosität der Märkte sind, zeigte sich Mitte der vorvergangenen Woche. Es genügte eine Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg, wonach ein EZB-Vertreter geäußert haben soll, dass die Zentralbank ihre Wertpapierkäufe in Höhe von 80 Milliarden Euro monatlich schrittweise verringern könnte. Und zwar um angeblich jeweils zehn Milliarden Euro.

          Ein mögliches Datum für den Einstieg in den Ausstieg wurde nicht genannt. Obwohl die EZB recht zügig erklärte, über eine Reduzierung der Wertpapierkäufe noch gar nicht diskutiert zu haben, reagierten die Märkte am Tag nach der Bloomberg-Meldung verunsichert. Der Euro verlor gegenüber dem Dollar rund ein Prozent, der Deutsche Aktienindex Dax gab ebenso nach, die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen aus Amerika, Deutschland und Italien gingen leicht nach oben.

          Am stärksten traf es den Goldpreis mit einem Minus von 3,3 Prozent. Die plötzliche Nervosität war ein Vorgeschmack dessen, was passieren könnte, wenn EZB-Präsident Mario Draghi irgendwann tatsächlich ankündigt, die Geldpolitik straffen zu wollen. Wenn er also beginnt, den Börsianern die Droge des billigen Geldes vorzuenthalten.

          Hinweise auf Fortsetzung von EZB-Strategie

          Es wird noch einige Zeit dauern, bis die EZB ihr Anleihekäufe beendet und im Zuge dessen früher oder später auch die Zinsen wieder über das Nullniveau hebt. Zwar kommt die Konjunktur in Europa langsam voran, und auch die Inflationsrate steigt gemächlich, auf hierzulande 0,7 Prozent im September. Doch ist die Teuerungsrate in der Eurozone weit entfernt vom EZB-Ziel von „nahe zwei Prozent“.

          Von daher deuten Einschätzungen aus dem Umfeld der Zentralbank und von Marktteilnehmern darauf hin, dass die Zentralbank auf ihrer übernächsten Sitzung im Dezember wohl erst einmal eine Fortsetzung ihres Anleihekaufprogramm beschließt und darüber hinaus am historisch niedrigen Leitzins von null Prozent bis auf weiteres festhält.

          Das große Rätsel ist, wie die EZB aus der ganzen Sache wieder rauskommt. Und wie die Zentralbank ein Ende des Anleihekaufprogramms und eine Zinserhöhung angehen würde: ob schneller oder langsamer, ob mit festen Vorgaben oder flexibel. Auch auf die Kommunikation kommt es an, damit die Märkte sich auf eine neue Phase einstellen können. Anders formuliert: damit sich der Junkie an den bevorstehenden Entzug gewöhnt.

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