https://www.faz.net/-gv6-6yowb

EZB-Chef Mario Draghi : Bringt dieser Mann uns Inflation?

EZB-Präsident Mario Draghi Bild: dpa

EZB-Chef Draghi wirbt um die Gunst der Deutschen. Dabei riskiert seine Geldpolitik, was diese am meisten fürchten: Inflation.

          Notenbanker sind gemeinhin verschwiegene Leute, die überaus wichtige Entscheidungen treffen, aber eher im Verborgenen wirken. Anders als Politiker oder Größen des Show-Business sieht man sie selten in Talkshows, bei Podiumsdiskussionen oder gar in Boulevardzeitungen. Um so auffälliger ist, wie Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, derzeit die Öffentlichkeit sucht. Vergangene Woche sah man ihn gleich zwei Tage lang mit ausführlichen Interviews in der „Bild“-Zeitung. Nächste Woche folgen dann Schlag auf Schlag Auftritte in Berlin beim Jahresempfang der privaten Banken am Montag und am Dienstag in Frankfurt bei der Atlantik-Brücke, einer Organisation zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Draghis Botschaft ist überall dieselbe: Der 64-jährige Italiener, seit November oberster Währungshüter der Eurozone, will die Deutschen mit einer Charmeoffensive für sich gewinnen. Er weiß: Viele Deutsche beäugen die Politik der EZB derzeit misstrauisch. Draghi will sie beruhigen. Dafür lässt er sich von der Boulevardzeitung sogar eine Pickelhaube aus dem Jahre 1871 schenken. Der Italiener beruft sich auf preußische Tugenden wie Sparsamkeit und Disziplin. Und verkündet: „Deutschland ist ein Vorbild“.

          Alles nur Show?

          Die spannende Frage: Ist das alles nur Show? Die Sorge ist verbreitet. Immerhin 64 Prozent der Deutschen haben bei einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach angegeben, sich große Sorgen um die Inflation zu machen („dass alles immer teurer wird und unser Geld an Wert verliert“). Zu Recht? Wird die Rechnung für die Euro-Retterei am Ende eine deutlich höhere Inflation in Deutschland sein?

          Immerhin hat Draghi eine riskante Operation vorgenommen. Unter dem Schlagwort „Dicke Bertha“ hat der Chef der Europäischen Zentralbank den Banken Europas insgesamt mehr als eine Billion Euro zu niedrigen Zinsen geliehen. Vorher schon kaufte die Notenbank für 218 Milliarden Euro Staatsanleihen notleidender Euroländer auf. Mit beiden Schritten machte sie (indirekt) genau das, was ihr (direkt) wegen der drohenden Inflationsgefahr verboten ist: Löcher in Staatshaushalten mit der Notenpresse stopfen.

          EZB-Chefvolkswirt Peter Praet beruhigt zwar, die Notenbank verfolge die Entwicklung „sehr gewissenhaft“ und sei „jederzeit bereit zu handeln“. Sein Vorgänger Jürgen Stark jedoch, der genau aus Protest gegen diese Politik zurückgetreten ist, warnt mit Nachdruck vor der Inflation. Immerhin musste die EZB ihre Prognose für die Inflationsrate 2012 gerade deutlich nach oben korrigieren - auf jetzt 2,4 Prozent. Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann setzte seine Vorhersage für die Inflation in Deutschland auf „mehr als zwei“ Prozent hoch.

          Eine hohe Inflation

          Doch das ist vermutlich nur der Anfang. „Deutschland wird als Folge der Staatsschuldenkrise in Europa eine deutlich höhere Inflation bekommen“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Erste Anzeichen könne man auf dem Immobilienmarkt beobachten: „Die Bundesbank hat einen Anstieg der Wohnungspreise um 5,5 Prozent im vorigen Jahr festgestellt.“ In Hamburg und München seien die Wohnungspreise bereits um zweistellige Raten gestiegen. „Der nächste Schritt wird sein, dass die Tarifabschlüsse auffällig hoch ausfallen werden“, sagt Mayer. Verdi und die IG Metall brächten sich ja schon in Stellung.

          „Das sind alles Alarmsignale, dass eine Lohn-Preis-Spirale beginnen könnte“, meint Chefvolkswirt Mayer. Mit einer solchen Spirale hatte sich in den siebziger Jahren die Inflation ausgebreitet. Damals wurde auch zunächst das Öl teurer. Die Gewerkschaften reagierten mit hohen Lohnforderungen. Elf Prozent mehr setzte Gewerkschaftschef Heinz Kluncker 1974 im öffentlichen Dienst durch. Die Lohn-Preis-Spirale drehte sich.

          Weitere Themen

          Das Leid der Fürsten

          Traditionsbank unter Druck : Das Leid der Fürsten

          Hilft striktes Kostenmanagement tatsächlich, schwierige Zeiten zu überstehen ? Der traditionsreichen Fürstlich Castell’schen Bank macht die Niedrigzinsphase besonders zu schaffen.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchener setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.
          Regisseur Bong Joon-ho hat mit seinem gesellschaftskritischen Thriller die erste Goldene Palme für Südkorea geholt.

          Blog | Filmfestival : Hochverdienter Gewinner

          Mit „Parasite“ siegt in Cannes ein gesellschaftskritisches Drama mit teils schwarzem Humor aus Südkorea. Zwei Entscheidungen der Jury überraschen allerdings.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.