https://www.faz.net/-gv6-7q6d2

EZB-Chef Draghi : Mario, der Zauberer

Bild: F.A.S.

Mario Draghi hat die Börsen im Griff. Noch nie war der EZB-Chef so mächtig wie heute. Wie weit kann er den Dax noch treiben?

          Ein wenig Vorfreude hat er sich dann doch gegönnt auf dem Weg zu dem wohl spektakulärsten Auftritt, den ein europäischer Notenbanker je absolviert hat: Als Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), am vergangenen Donnerstag um 14.30 Uhr zur Pressekonferenz eintraf, umspielte ein leichtes Lächeln seine Lippen. Denn wenig später verkündete er die außergewöhnlichen, nie zuvor da gewesenen Entscheidungen der EZB: ein Leitzins auf dem neuen historischen Tiefststand von 0,15 Prozent. Ein Kreditprogramm für Südeuropa. Sowie eine Art Strafgebühr für Banken, die ihr Geld bei der EZB parken wollen. Anders gesagt: negative Zinsen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So schwierig die einzelnen Beschlüsse im Detail zu verstehen sein mögen, an den Börsen begriff man eines sofort: Es fließt weiter billiges Geld! Noch während Draghi die Entscheidungen erläuterte, hob der Deutsche Aktienindex Dax ab und übersprang erstmals in seiner Geschichte die Marke von 10 000 Punkten. Auch der Euro Stoxx 50, in dem die wichtigsten europäischen Aktiengesellschaften notieren, stieg sogleich an. Mario Draghi - der Mann, der eigentlich zuvorderst für die Kontrolle der Inflation im Euroraum zuständig ist - hatte den Aktienmärkten einmal mehr einen kräftigen Schub verpasst. Eine beispiellose Machtdemonstration.

          Nie war der Einfluss der europäischen Notenbanker auf die Börsen größer als derzeit. Nie wurden ihre Äußerungen, ja selbst Andeutungen so genau an den Märkten verfolgt - seit fast zwei Jahren geht dies nun schon so. Damals, im Juli 2012, hielt Draghi seine mittlerweile berühmt gewordene Rede: Die EZB werde tun, was immer auch nötig sei, um den Euro zu retten. Um mehr als 50 Prozent haben die Aktienmärkte seitdem zugelegt. Wie sich die Gewinne der Unternehmen tatsächlich entwickeln (einstmals die wichtigste Einflussgröße an den Börsen), spielt da kaum eine Rolle mehr. Stattdessen dreht sich alles nur um Draghi. Der Mann scheint zum neuen Magier der Märkte geworden zu sein. Doch geht das alles noch mit rechten Dingen zu?

          Die Aufmerksamkeit für die EZB hält an

          Wer könnte auf eine solche Frage besser antworten als jemand, der die Welt der Notenbanken jahrelang von innen kennengelernt hat? Philipp Hildebrand, heute in Diensten des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, war von 2003 bis 2012 Mitglied des Direktoriums der Schweizer Notenbank, zwei Jahre lang sogar deren Präsident. Er sagt: „Natürlich stehen Notenbanken häufig im Zentrum des Interesses. Aber in der dauerhaften Form, wie es die EZB derzeit erlebt, ist dies schon außergewöhnlich.“

          Denn normalerweise kümmern sich die Anleger vor allem dann um das Vorgehen der Zentralbanker, wenn gerade eine Krise ausgebrochen ist. Dies war so beim großen Börsencrash des Jahres 1987, als Amerikas Zentralbank Fed in der Folge die Märkte mit Geld flutete. Und dies galt auch bei der großen Krise des Jahres 1998, als der Hedgefonds LTCM durch ungezügelte Wetten Amerikas Finanzsystem an den Rand des Kollapses brachte. Damals senkte die Fed den Leitzins. Der große Unterschied zu heute aber ist: Kurz danach nahm die hohe Aufmerksamkeit für die Notenbanken relativ schnell wieder ein normales Maß an. Was ist da heute anders?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trauer und Jubel in Berlin : Den Grünen gehen die Superlative aus

          Während bei den Grünen die Freude über die Wahlergebnisse in Europa und in Bremen „wahnwitzig“ groß ist, ist die Stimmung bei der Union schon vor der Verkündung der Prognosen auf dem Tiefpunkt. Und bei der SPD wackelt die Parteichefin nach dem Doppeltiefschlag.

          SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

          In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

          Nach SPD-Debakel : Lauterbach für Rot-Rot-Grün in Bremen und im Bund

          Die SPD hat ein historisches Wahldebakel erlitten. Trotzdem sei nicht die Zeit für Personaldebatten um Nahles, sagt SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dafür fordert er mehr Umweltbewusstsein in seiner Partei – und Mut zu neuen Bündnissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.