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Vor Ratssitzung : EZB bereitet Kauf von Unternehmensanleihen vor

Wird die Märkte auf eine lange Fortdauer der Nullzinsphase vorbereiten: EZB-Präsident Mario Draghi Bild: dpa

Von der EZB-Ratssitzung am Donnerstag erhoffen sich Analysten erste Details zu Käufen von Unternehmensanleihen. Dabei werden aber Verzerrungen befürchtet.

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          Ungeachtet der teils heftigen Kritik vor allem aus Deutschland bleibt die Europäische Zentralbank bei ihrer expansiven Geldpolitik. Von der Sitzung des EZB-Rats an diesem Donnerstag erwarten Beobachter zwar keine neuen Maßnahmen. EZB-Präsident Mario Draghi werde seine Politik aber verbal kräftig verteidigen und die Märkte auf eine lange Fortdauer der Nullzinsphase vorbereiten, sagen EZB-Beobachter. Bei der vorigen Sitzung im März hatte er ein Feuerwerk neuer Lockerungsmaßnahmen inklusive eines größeren Strafzinses auf Einlagen und höherer Anleihekäufe verkündet.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dieses Mal erhoffen sich Analysten erste Detailinformationen zu den geplanten Käufen von Unternehmensanleihen. Die Erwartungen gehen hierbei weit auseinander. Michael Schubert von der Commerzbank glaubt, das monatliche Kaufvolumen werde wohl nicht mehr als 3 Milliarden Euro betragen. „Ich fürchte, die EZB wird überhaupt nicht genau sagen, wie viel sie kauft, sondern nur eher vage Hinweise geben“, sagt er. Carsten Brzeski von der ING Diba hingegen glaubt, das Kaufvolumen könnte 10 Milliarden Euro oder gar mehr, bis 20 Milliarden Euro, betragen. Der Markt der erstklassigen Unternehmensanleihen sei allerdings eher klein, fügt er hinzu.

          Geldhäuser haben ihre Kreditkonditionen gelockert

          EZB-Chef Draghi hatte betont, dass die Zentralbank nur Papiere mit der Ratingnote „Investment Grade“ kaufen werde. Der Markt für Papiere dieser Bonitätsnote umfasse etwa eine halbe Billion Euro, schätzt Brzeski. Erwerbe die EZB je Papier maximal ein Drittel, betrage das für sie kaufbare Volumen knapp 170 Milliarden Euro. Mit ihrer expansiven Geldpolitik will die EZB die Wirtschaft ankurbeln und die Inflation, die zuletzt null Prozent betrug, wieder an ihren Zielwert von 2 Prozent bringen. Wie die aktuelle Bankenumfrage zeigt, haben die Geldhäuser ihre Kreditkonditionen gelockert – das wird Draghi sich als Erfolg anrechnen.

          Schon seit der Ankündigung der Käufe im März sind Kurse von Unternehmensanleihen gestiegen und ihre Renditen gesunken. Derzeit beraten die zuständigen Gremien der EZB über die konkrete Ausgestaltung des Programms. Aus Sicht von Volkswirten ist entscheidend, dass die Käufe nicht den Markt verzerren, also bestimmte Branchen und Segmente einseitig bevorzugen. „Sonst wäre das Industriepolitik“, sagt Schubert. Es dürfte aber schwierig sein, ein nichtverzerrendes Kaufprogramm zu konzipieren. Am meisten profitieren von den Käufen könnten Versorger sowie Konsumgüter- und Automobilhersteller. Schwierig dürfte auch eine halbwegs objektive Verteilung der Käufe über die Länder hinweg werden. EZB-Chefökonom Peter Praet hat angedeutet, dass er sich an den Gewichten in einem Anleiheindex orientieren würde.

          Ein besonders heikler Punkt bleibt das Thema „Helikopter-Geld“. Draghi hatte dies als „sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. „Ich erwarte einige Fragen an Draghi dazu“, sagte Schubert. Er sieht hohe rechtliche Hürden, denn Geldverteilen der Zentralbank über den Staat sei nahe an Fiskalpolitik. „Aber für Notfälle wird die EZB diese Option wohl nicht ganz ausschließen“, sagt er.

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