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Anleihekaufprogramm : „Die EZB muss glaubwürdig bleiben“

Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs Bild: Wonge Bergmann

Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius befürwortet das bevorstehende Anleihekaufprogramm. Grund sind die Auswirkungen auf den Wechselkurs. Wenn das Inflationsziel weit entfernt ist, muss die Zentralbank gegensteuern.

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          Jan Hatzius befürwortet das bevorstehende Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank, auch wenn er nicht viel Vertrauen in den Zinseffekt besitzt. „Es kann sein, dass die Renditen in der Peripherie noch etwas sinken“, sagt der aus Deutschland stammende Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs in einem Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber viel wird das nicht bringen.“ Er setzt eher auf eine andere Folge: „Eine größere Wirkung könnte sich beim Wechselkurs zeigen. Die Annahme von Anleihekäufen durch die EZB ist ein Grund, warum wir eine weitere Abwertung des Euro prognostizieren.“ Analysten von Goldman Sachs erwarten für die kommenden Jahre eine weitere Abwertung der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar bis auf 90 Cent je Euro.

          Hatzius argumentiert auf der Grundlage der seit mehreren Jahrzehnten dominierenden, aus den Vereinigten Staaten stammenden gesamtwirtschaftlichen Analyse, die ein erhebliches Gewicht auf die Steuerung der in der Privatwirtschaft vorhandenen Erwartungen über die Wirtschaftsentwicklung setzt. „Der wichtigste Punkt für mich ist: Wenn eine Zentralbank ein Inflationsziel hat und sich weit von diesem Inflationsziel entfernt, muss die Zentralbank dagegensteuern, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren will“, erläutert er. Dies begründet für den Ökonomen eine weitere Lockerung der Geldpolitik, auch wenn er Verständnis für die deutsche Position besitzt, den fallenden Ölpreis nicht als Auslöser für ein Anleihekaufprogramm zu akzeptieren: „Der Fall des Ölpreises beeinflusst unsere Beurteilung der Geldpolitik nicht. Rohstoffpreise bewegen sich manchmal sehr stark; wichtig ist daher vielmehr der zugrundeliegende Trend bei der Inflationsrate. Und diese Kerninflationsrate liegt in der Eurozone bei 0,8 Prozent und damit deutlich unter dem Zielwert der EZB.“

          „Für die Vereinigten Staaten sind wir sehr optimistisch“

          In der aufkeimenden Debatte um das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank hat Hatzius eine klare Meinung. „Ich bin nicht der Ansicht, dass die EZB ihr Inflationsziel von knapp 2 Prozent reduzieren sollte“, betont der Ökonom. Der Fall des Ölpreises besitzt aus seiner Sicht gegenläufige Wirkungen. „Die Effekte sind gegensätzlich“, sagt Hatzius. „Zunächst einmal unterstützt er in der Eurozone das Wirtschaftswachstum. Aber anschließend können negative Zweitrundeneffekte auftreten, wenn die Inflationserwartungen zurückgehen. Diese Effekte lassen sich aber schwer schätzen.“ Für die Entwicklung der Wirtschaft im Euroraum ist er gedämpft optimistisch, aber keineswegs euphorisch: „Der niedrige Ölpreis, die Abwertung des Euro und die langsame Gesundung des Bankensystems könnten in diesem Jahr zu einem im Vergleich zu 2014 etwas höheren Wirtschaftswachstum in der Eurozone führen. Wir erwarten derzeit eine Wachstumsrate von etwas über 1 Prozent.“ Hatzius verweist darauf, dass in den vergangenen Monaten die Zinssätze für Bankkredite in Spanien deutlich zurückgegangen sind, in Italien aber weit weniger.

          Die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank, den Wechselkurs des Franken freizugeben, hat den Goldman-Sachs-Ökonomen, wie auch andere Marktteilnehmer, überrascht. Er sieht aber eine ökonomische Logik: „Die Entscheidung lässt sich zum Teil mit den Auswirkungen der EZB-Geldpolitik auf den handelsgewichteten Wert des Schweizer Franken erklären.“ Aber Hatzius sieht auch ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem. „Die Schweizerische Nationalbank hatte noch vor kurzem mitgeteilt, dass die Untergrenze von 1,20 Franken für einen Euro ein fester Bestandteil ihrer Geld- und Währungspolitik ist. Ich hätte gedacht, dass sich die Nationalbank noch nicht von dieser Untergrenze löst“, sagt der Goldman-Sachs-Ökonom.

          Weniger Probleme sieht Hatzius für die Wirtschaft auf der anderen Seite des Atlantiks. „Für die Vereinigten Staaten sind wir sehr optimistisch. Ein Grund ist der fallende Ölpreis. Er entspricht einem Konjunkturprogramm von 175 bis 200 Milliarden Dollar. Dagegen sind die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Schäden des niedrigen Ölpreises für die amerikanische Ölindustrie gering.“ Das langsame Wachstum der Löhne werde nur zu einem langsamen Anstieg der Inflationsrate führen, fügt er hinzu. Die erste Leitzinserhöhung der Fed werde wahrscheinlich im September 2015 erfolgen: „Die amerikanische Wirtschaft und der Arbeitsmarkt befinden sich auf dem richtigen Weg.“

          Auch für die jüngste Entwicklung am Anleihemarkt hat Hatzius eine ökonomische Erklärung: „Der jüngste Fall der Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen lässt sich unter anderem mit der niedrigen Inflation und mit Kapitalanlagen großer europäischer Investoren erklären. Der Renditeabstand zwischen zehnjährigen amerikanischen und deutschen Anleihen beträgt rund 140 Basispunkte. Historisch betrachtet ist das sehr viel.“

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