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Euroraum : Emissionslawine am Anleihemarkt

Bild: F.A.Z.

Rund 2,4 Billionen Euro beträgt der Mittelbedarf im Euro-Raum. Staaten, Banken und Unternehmen müssen um Investoren kämpfen - die EZB warnt vor einem möglichen Engpass, der sich im Wettbewerb zwischen Staaten und Banken um die Finanzierungsmittel ergeben könnte.

          Auf den europäischen Anleihemarkt rollt im kommenden Jahr eine Emissionslawine von 2,4 Billionen Euro zu. Damit würde sich der Mittelbedarf von Staaten, Banken und Unternehmen aus dem Euro-Währungsgebiet gegenüber diesem Jahr um 700 Milliarden Euro oder um 40 Prozent erhöhen. Diesem Finanzierungsbedarf stehen fällig werdende Anleihen über knapp 2 Billionen Euro gegenüber. Nach den am Dienstag veröffentlichten Zahlen des Finanzdatenanbieters Dealogic beliefen sich die Anleiheemissionen in Europa in diesem Jahr auf 2,2 Billionen Dollar oder umgerechnet 1,7 Billionen Euro.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Allein diese Summe dürften im neuen Jahr nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs die Euro-Länder aufnehmen. Davon entfallen 900 Milliarden Euro auf Anleihen mit einer Laufzeit von länger als einem Jahr, 732 Milliarden Euro auf Schatzwechsel mit einer Laufzeit von höchstens zwölf Monaten sowie 88 Milliarden Euro auf andere Finanzierungsquellen wie etwa Privatisierungserlöse. Laut Goldman Sachs werden die Euro-Staaten 2011 Anleihen über 572 Milliarden Euro und Schatzwechsel über 669 Milliarden Euro tilgen. Der Bund will nach seinem bereits veröffentlichten Emissionskalender im kommenden Jahr 302 Milliarden Euro aufnehmen und knapp 271 Milliarden Euro tilgen.

          EZB warnt vor möglichem Engpass

          In ihrem Finanzstabilitätsbericht hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Refinanzierungsbedarf der Banken im Euro-Raum auf eine Billion Euro in den kommenden beiden Jahren geschätzt, davon rund die Hälfte in 2011. Diese Summen, die vorrangige und nachrangige Anleihen sowie Pfandbriefe umfassen, leitet die Zentralbank aus den fällig werdenden Bankanleihen ab.

          In ihrem vor knapp zwei Wochen veröffentlichten Stabilitätsbericht warnte die EZB vor einem möglichen Engpass, der sich im Wettbewerb zwischen Staaten und Banken um die Finanzierungsmittel ergeben könnte. Ihrer Ansicht nach besteht das Problem vor allem im höheren Mittelbedarf der öffentlichen Hand, weil sich die zu erwartende Refinanzierung der Banken auf vergleichbarer Höhe mit den Vorjahren bewegen werde.

          Schließlich gehen Unternehmen verstärkt dazu über, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Denn dies macht sie unabhängiger von Krediten der Banken, was wiederum ihre Verhandlungsposition gegenüber diesen stärkt. Laut Dealogic werden im kommenden Jahr in Europa Schuldtitel von Unternehmen mit guter Bonität (Investment Grade) von 130 Milliarden Euro fällig. Diese Summe dürfte nach Schätzung der Kreditanalysten von Société Générale in 2011 ersetzt werden. Hinzu kämen Hochzinsanleihen, also Schuldtitel von Unternehmen mit schlechter Bonität, von 40 Milliarden Euro. Solche Non-Investment-Grade-Anleihen, die am Markt wenig schmeichelhaft auch Ramschanleihen genannt werden, erreichten in diesem Jahr in Europa ein Rekordvolumen von 38 Milliarden Euro. Allein der Hannoveraner Reifenhersteller Continental nahm über drei Hochzinsanleihen 3 Milliarden Euro auf.

          Vor allem Portugal könnte sich schwertun

          Die Euro-Schuldenkrise wird sich auch bei den Neuemissionen niederschlagen. Denn allein zur Finanzierung des Rettungspaketes für Irland müssen der Euro-Rettungsfonds (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität; EFSF) um die 25 Milliarden Euro und die EU-Kommission 22,5 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufnehmen. Nicht zu vergessen sind die Anleiheemissionen staatlicher Förderbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder der KfW-Bankengruppe. Letztere will im neuen Jahr 75 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufnehmen. Die Landwirtschaftliche Rentenbank, das Förderinstitut für die Agrarwirtschaft, plant mit 10 Milliarden Euro. Hinzu kommen noch die übrigen Förderbanken. So hat die EIB allein in diesem Jahr 70 Milliarden Euro emittiert.

          In jedem Fall dürfte es nach Einschätzung von Investmentbankern in den ersten Wochen des neuen Jahres am Anleihemarkt eng werden. Allein im Januar will der Bund 29 Milliarden Euro an Schuldtiteln begeben. Hinzu kommt das Debüt der EFSF mit einer Anleihe über 5 Milliarden Euro. Vor allem Portugal, das als nächster Kandidat für ein Rettungspaket der Euro-Partner gilt, könnte sich schwertun. Das Land muss nach Schätzung von Goldman Sachs im kommenden Jahr 40 Milliarden Euro am Markt aufnehmen. Nach der Dealogic-Statistik haben sich die Anleiheemissionen in diesem Jahr weltweit auf 5,9 Billionen Dollar summiert. Das war ein Rückgang von 4 Prozent gegenüber 2009.

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