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Europas Randstaaten : Anleihen trotz schlechter Nachrichten gesucht

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Bild: FAZ.NET

Nach dem Motto „buy on bad news“ kommt es am europäischen Rentenmarkt am Donnerstag zu einer kurzfristigen Kursrally. Die Gretchenfrage allerdings lautet, ob die Spar- und Restrukturierungsbeschlüsse auch umgesetzt werden.

          Kurzfristig sind die Kursbewegungen an den Finanzmärkten kaum kalkulierbar. Das zeigt sich am Donnerstag daran, dass die Anleihen der europäischen Randstaaten gefragt sind, obwohl die kritischen Nachrichten kaum zu übersehen sind und obwohl die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit Spaniens von AAA auf AA1 herabgestuft hat.

          Die Marktteilnehmer scheinen nach dem Motto zu handeln „buy on bad news“. Unter den Investoren schwinde die Sorge, die Staatsfinanzen verschlechterten sich so rapide, dass weitere Länder auf Nothilfen der Europäischen Union angewiesen wären, heißt es gemeinhin.

          Kurzfristige Erleicherungsrally

          Am deutlichsten fallen die Kursgewinne bei irischen Staatsanleihen aus. Die Kurse der Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren legen um ein Prozent auf 86,4 Prozent zu. Die Rendite geht im Vergleich mit dem Mittwoch um 14 Punkte auf 6,45 Prozent zurück. Ähnliche starke Kursgewinne können auch die Zinspapiere Portugals, und Griechenlands verzeichnen. „Die Herabstufung Spaniens war am Markt bereits angemessen eingepreist“, sagte Steven Major, Leiter der Anleiheanalyse bei der HSBC Holdings in London der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          „Der Markt hatte seit Wochenbeginn auf eine Herabstufung um zwei Stufen gesetzt“, erklärte ein Händler. Daher sei die Nachricht eher eine Erleichterung. Auch die Aussagen der irischen Zentralbank zur Krisenbank Anglo Irish sind nach Einschätzung eines Händlers „ermutigend“. Nach Einschätzung der Zentralbanker beläuft sich der gesamte Kapitalbedarf der Bank auf 29,3 Milliarden Euro oder zusätzliche 5 Milliarden Euro. „Das wäre eine gute Zahl“, heißt es im Handel, nachdem S&P die Kosten noch auf 35 Milliarden Euro geschätzt hatte. Der Markt hatte befürchtet, eine Zahl über 35 Milliarden Euro würde eine Abstufung auch des Landes-Ratings von Irland bewirken. Schließlich würden diese Kosten rund 22 Prozent des irischen Bruttoinlandsproduktes entsprechen und das Haushaltsdefizit völlig aus dem Ruder laufen lassen, argumentiert S&P.

          Offen sei bislang jedoch, wie sicher die Schätzungen der Zentralbank sei, heißt es. Die Angaben basierten auf einem Stressszenario. Auch sei unklar, was mit den nachrangigen Anleihen passiere. Damit sei die Unsicherheit noch immer nicht gebannt, heißt es im Handel. Bei Irland rechnen Kredit-Analysten weiter mit einem Ausfall von nachrangigen Anleihen der Anglo Irish. Irland könne sich eine dramatische Ausweitung der Staatsverschuldung nicht leisten, zumal das Land in die Rezession zurückgefallen gefallen sei. Auch andere Institute wie die Allied Irish Bank benötigen weiter Geld. Hier sieht die irische Zentralbank einen Zusatzbedarf von rund drei Milliarden Euro bis zum Jahresende.

          Gretchenfrage: Können Ankündigungen und Beschlüsse auch umgesetzt werden?

          Derweil hat Portugal angekündigt, die Sparschraube noch enger als bisher geplant anzuziehen. Man werde im kommenden Jahr die Ausgaben für Gehälter im öffentlichen Dienst um fünf Prozent kürzen, teilte der sozialistische Ministerpräsident José Sócrates am Mittwochabend nach einer Sitzung des Ministerrats in Lissabon mit. Außerdem werde man im Jahr 2011 die Mehrwertsteuer um weitere zwei Punkte auf 23 Prozent erhöhen und eine Steuer auf bestimmte Finanztransaktionen einführen, sagte Sócrates. Das Finanzministerium hatte zuvor schon angekündigt, die staatlichen Investitionen bis Jahresende einzufrieren. Bereits im März hatte Portugal ein „Programm für Stabilisierung und Wachstum“ (PEC) bekanntgegeben, mit dem das Rekord- Haushaltsdefizit von 9,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts noch in diesem Jahr auf sieben und bis im Jahr 2013 auf 2,8 Prozent gedrückt werden soll.

          Die Euro-Finanzminister haben Portugal und Irland in ihrem harten Sparkurs natürlich unterstützt und zu Reformen aufgerufen. Portugal müsse aber über das Sparprogramm hinaus noch Strukturreformen vornehmen, um Wachstum und Beschäftigung zu stärken und seinen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit wett zu machen, erklärten sie weiter. Diese Einschätzung gilt jedoch nicht nur für Portugal, sondern für die meisten europäischen Staaten. Selbst das scheinbar robuste Deutschland hat zu hohe Ausgaben, die in den konsumptiven Bereich fließen, statt in die Substanz.

          Allerdings wird sofort deutlich, wie schwierig die Umsetzung von zunächst viel versprechenden Ankündigungen und Beschlüssen werden kann. So löste die Bekanntgabe der neuen Maßnahmen beim portugiesischen Gewerkschaftsdachverband CGTP bereits Unmut aus. Die Kundgebungen vom Mittwoch, bei denen in Lissabon und Porto rund 80.000 Menschen gegen die Sparbestrebungen der Regierung auf die Straßen gegangen waren, seien nur eine Generalprobe für künftige Proteste gewesen, warnte CGTP-Chef Manuel Carvalho da Silva. Auch in Spanien und Griechenland kommt es immer wieder zu Protesten. Selbst in Deutschland treffen berechtigte Diskussionen über die Struktur und Höhe der Staatsausgaben reflexartig auf reflexartigen Widerspruch bei jenen, die vom den scheinbar wie Manna vom Himmel fallenden staatlichen Wohlgaben profitieren.

          Aus diesen Gründen ist es riskant, die kurzfristig positive Reaktion des Marktes überzu bewerten. Mit großer Wahrscheinlichkeit dürften die Sorgen über die strukturellen Defizite Europas zurückkehren und an den Märkten für Volatilität sorgen. Das zeigt sich alleine schon daran, dass die Prämien, die zum Abschluss einer Kreditausfallversicherung verlangt werden, allenfalls leicht zurückgehen.

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