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Europäische Zentralbank : Wachsende Furcht vor Inflation treibt die Zinssätze

  • -Aktualisiert am

Geld aus Papier Bild: dpa

Die Zentralbanken verschärfen ihre Warnungen vor höheren Teuerungsraten. Die Erwartung bald steigender Leitzinsen wird von den täglich schärferen Warnungen der Notenbanken bestärkt.

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          Die verschärften Inflationswarnungen der Notenbanken und die Furcht vor zunehmender Teuerung haben in den vergangenen Tagen die Zinserwartungen auf dem Geldmarkt in die Höhe getrieben. Dort signalisieren die Terminkontrakte die Erwartung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in diesem Jahr den Leitzins um zwei, möglicherweise sogar um drei Schritte von 1 auf dann 1,75 Prozent erhöhen wird. Diese Erwartung ist im Januar entstanden, als die EZB erstmals vor beginnendem Inflationsdruck warnte, und hat sich seitdem immer mehr festgesetzt. Seitdem ist die Rendite für den im Dezember fälligen Euribor-Kontrakt von 1,3 auf 1,97 Prozent gestiegen.

          Immer mehr Marktteilnehmer halten zudem für möglich, dass die EZB schon im ersten Halbjahr mit der Zinswende beginnt. Die Rendite für den im Juni fälligen Euribor-Kontrakt auf Dreimonatsgeld beträgt knapp 1,5 Prozent. Selbst wenn man annimmt, dass dieser Wert eine Risikoprämie enthält, ist damit eine erste Zinserhöhung bis Juni in den Preisen zum Teil vorweggenommen.

          Risiken für die Preisstabilität

          Die Erwartung bald steigender Leitzinsen wird von den täglich schärferen Warnungen der Notenbanken bestärkt. EZB-Ratsmitglied Yves Mersch sagte am Dienstag der Nachrichtenagentur Bloomberg, eine Anpassung der Geldpolitik sei wegen des veränderten wirtschaftlichen Umfelds unausweichlich. Höhere Preise für Rohöl und andere Rohstoffe sowie Aufwärtsdruck im Bereich der Lebensmittelpreise könnten bewirken, dass die Inflation im Jahresdurchschnitt über 2 Prozent liegen wird. Der EZB-Rat werde deshalb möglicherweise mehrheitlich zu der Einschätzung gelangen, dass es Risiken für die Preisstabilität gebe, sagte der Gouverneur der Luxemburger Notenbank. Schon während der nächsten Sitzung des EZB-Rats in der kommenden Woche könnte die Einschätzung der Inflation verschärft werden. Diese Erwartung führte auf dem Devisenmarkt zu einer kräftigen Erholung des Euro, der vom Tagestief 1,3525 auf 1,3685 Dollar stieg.

          Bild: F.A.Z.

          Am Vorabend hatte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark in einer Rede auf Inflationsrisiken hingewiesen. Außerdem äußerte er, dass der Euroraum von einer Geldschwemme in anderen Währungsräumen beeinträchtigt werden könne. „Die Geldpolitik des Euroraums kann natürlich nicht starke globale Liquiditätstrends kontrollieren, aber sie muss sie berücksichtigen und im Hinblick auf die heimische Liquiditätsexpansion möglicherweise restriktiver verfahren, als sie das andernfalls tun würde.“

          Die Dynamik des Anstiegs ist auffallend

          Die Notenbanker seien in ihrer Inflationsbekämpfung jedoch in einem Dilemma, warnt die Ratingagentur Standard & Poor’s. In Großbritannien und im Euro-Raum stiegen die Teuerungsraten. Gleichzeitig wären Zinserhöhungen für die noch fragile wirtschaftliche Erholung ein Risiko, heißt es in einer Studie. „Die Zentralbanken würden einerseits gerne zum typischen Mittel greifen, um gegen Inflation vorzugehen, und die Zinssätze erhöhen“, sagte S&P-Chefvolkswirt Jean-Michel Six. Andererseits verlockten ein schwacher Wirtschaftsausblick und die ungelöste Schuldenkrise zu einer Geldpolitik mit unkonventionellen Maßnahmen und niedrigen Zinssätzen.

          Auf den Anleihemärkten haben die wachsenden Inflationserwartungen zu höheren Renditen beigetragen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf knapp 3,2 Prozent, hat aber in den vergangenen Tagen leicht nachgeben. Auf dem Markt für inflationsgeschützte Anleihen ist die für die kommenden zehn Jahre erwartete durchschnittliche Inflationsrate seit August von 1,35 auf 2,1 Prozent gestiegen. Besonders beunruhigend dürfte für die Notenbanker sein, dass in den vergangenen Wochen auch die mittelfristige Inflationserwartung in Bewegung gekommen ist. Der von der EZB besonders aufmerksam beobachtete Wert – durchschnittliche erwartete Inflation der in fünf Jahren beginnenden fünf Jahre – ist seit dem Herbst von knapp 2 auf rund 2,4 Prozent gestiegen. Das ist im langjährigen Vergleich immer noch nicht viel, zumal der Wert aus Termingeschäften abgeleitet ist, die Risikoprämien enthalten. Doch die Dynamik des Anstiegs ist auffallend.

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