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Europa : Die Schuldenkrise ist nicht vorbei

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Bild: F.A.Z.

Die Aufmerksamkeit der Anleger richtet sich wieder mehr auf die europäische Staatsschuldenkrise. Dies treibt die Renditen italienischer und spanischer Staatsanleihen immer weiter nach oben, während die deutscher Bundespapiere sinken.

          Die Schuldenkrise ist nicht vorbei, weder jene in den Vereinigten Staaten noch die in Europa. Nach Jahrzehnte dauerndem Gewohnheit in vielen Industriestaaten, in denen es politisch überaus einfach war, sich künstliches Wachstum und Brot und Spiele fürs Wahlvolk auf Pump zu kaufen, ist diese Strategie an ihre Grenzen gelangt.

          Das zeigt sich nicht nur in Griechenland, Irland und Portugal, sondern immer mehr auch in Bezug auf Italien und Spanien. Das sind Staaten, die in den vergangenen Jahren gut von unverdient tiefen Zinsen und aufgrund der Naivität der Anleger von leicht und günstig zugänglichen Refinanzierungsquellen gut gelebt haben, ohne ihre Volkswirtschaften auf Effizienz zu trimmen.

          Solide Balance zwischen Ausgaben und Einnahmen ist gesucht

          In diesem Rahmen sind allerdings ihre direkten oder indirekten - durch die hoch verschuldeten Privatsektoren - Verbindlichkeiten im Verhältnis zu Wirtschaftsleistung und zu realisierenden Einnahmen deutlich gestiegen. Mit abnehmender Wirkung künstlicher konjunktureller Anreize nehmen aufgrund mangelhafter volkswirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit die Zweifel zu, ob sich diese Staaten rasch genug wirtschaftlich neu aufstellen können, um genügend Wachstum und Einkommen zu erzielen, um daraus künftige Finanzierungs- und Tilgungslasten leisten zu können.

          Je größer die Zweifel werden, desto höher steigen die Risikoprämien, die Renditen und damit auch die zu tragenden Lasten. Das ist ein Prozess, der sich nur durch konsequentes politisches Handeln unterbrechen lässt, bevor er kritische Zustände geniert. Der Blick auf die Fakten belegt, dass er an Intensität gewinnt. Schließlich werden die Renditedifferenzen zwischen deutschen Bundesanleihen - man hält Deutschland als Schuldner gemeinhin für leistungsfähig, obwohl die indirekten Lasten enorm sind - und den Staatsanleihen Italiens und Spaniens immer größer.

          Bei italienischen und spanischen Staatsanleihen stieg der Renditeaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen am Dienstag im Handelsverlauf auf ein Rekordhoch für die Euro-Ära. Anleger machen sich Sorgen, dass ein geringeres weltweites Wirtschaftswachstum den Schuldenabbau in diesen Ländern behindern wird. Zehnjährige Bonds aus Italien rentierten 17 Basispunkte höher mit 6,16 Prozent. Damit lag die Renditedifferenz gegenüber deutschen Anleihen bei 375 Basispunkten - ein Wert, der seit der Euro-Einführung 1999 nicht erreicht wurde. Bei spanischen Anleihen stieg dieser so genannte Spread gegenüber deutschen Papieren auf 394 Basispunkte. Ebenfalls ein Rekordhoch markierte der Renditeaufschlag belgischer Bonds gegenüber deutschen Anleihen bei 206 Basispunkten.

          Vermögensverwalter meiden Italien- und Spanien-Bonds

          Das zunehmende Misstrauen in die Leistungsfähigkeit der europäischen Peripheriestaaten zeigt sich auch in Form einer Meldung, gemäß der verschiedene Vermögensverwalter einen Bogen um italienische und spanische Anleihen machen. So ist Merrill Lynch Global Wealth Management nicht davon überzeugt, dass die zweite Rettungsaktion für Griechenland die Schuldenkrise eingedämmt hat. Die Vermögensverwaltungstochter der Bank of America würde keinen Cent des von ihr verwalteten Vermögens von 1,5 Billionen Dollar in italienische und spanische Bonds investieren, heißt es.
          Die Gesellschaft habe schon im April vergangenen Jahres beschlossen, Anleihen aus Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien zu meiden und seitdem die Finger davon gelassen, sagte Johannes Jooste, leitender Portfolio-Stratege bei Merrill in London der Nachrichtenagentur Bloomberg. Merrill steht damit nicht alleine. Die in Frankfurt angesiedelte DWS Investment, die 390 Milliarden Dollar verwaltet, und Legal & Investment Management seien bei spanischen Bonds „untergewichtet“, heißt es weiter.

          Die Renditen zehnjähriger spanischer und italienischer Bonds seien nur etwa einen Prozentpunkt von der Marke von sieben Prozent entfernt, bei der Griechenland, Portugal und Irland um Hilfsgelder bitten mussten. Die steigenden Fremdkapitalkosten und die schwachen Wachstumsaussichten seien zwei Gründe, italienische und spanische Staatsanleihen zu meiden, erklärte Jonathan Cloke, Fondsmanager bei Legal & General. Dagegen können nur überzeugende Reformen in den jeweiligen Staaten selbst wirken, die die Probleme nicht in vagen Hoffnung finanzielle Wunder auf die lange Bank schieben.

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