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Langfristiger Trend : Der Euro droht abzurutschen

Euro-Münze und Dollar-Schein: Momentan ergibt es aus amerikanischer Sicht wenig Sinn, sein Geld im Euroraum anzulegen Bild: dpa

Auch wenn der Euro am Donnerstag aufwertet: Längerfristig rechnen Banken mit einem starken Kursrückgang. Bis 2017 könnte er wieder weniger als ein Dollar kosten.

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          Die Währungsfachleute in den Banken überschlagen sich gerade mit negativen Prognosen zum Euro. Am weitesten geht die Deutsche Bank und sagt für 2017 voraus, dass die europäische Währung dann nur noch 0,95 Dollar kosten wird. Auch die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs sagt dem Euro schlechte Zeiten voraus und erwartet bis 2017 einen Fall auf die Parität von 1 Dollar für 1 Euro. Zuletzt kostete die europäische Devise im Jahr 2002 weniger als 1 Dollar. Aber in den vergangenen Monaten hat die Gemeinschaftswährung schon deutlich an Wert eingebüßt. Im Mai kostete sie fast 1,40 Dollar je Euro, inzwischen ist der Euro weniger als 1,27 Dollar wert.

          Gerald Braunberger
          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wenn die Europäische Zentralbank mit ihren angekündigten Wertpapierkäufen beginnt, wird die Überschussliquidität im Euroraum nochmals zunehmen. Schon heute verfügen europäische Banken nach Daten der Deutschen Bank über 500 bis 1000 Milliarden Euro an überschüssiger Liquidität. Dieses Geld könne sich in Bewegung setzen und in den Dollarraum fließen, begründet die Deutsche Bank ihre Wechselkursprognose. Umgekehrt dürften amerikanische Anleger ihr Geld zu Hause anlegen. Sie aber hatten seit Sommer 2012 die Hausse gerade am deutschen Aktienmarkt befeuert, nachdem Mario Draghi Zweifel am Zusammenbruch des Euroraums zerstreuen konnte.

          Kapitalexport in historischer Dimension

          Die Deutsche Bank spricht von einem bevorstehenden Kapitalexport aus dem Euroraum in historischer Dimension, von dem neben den Vereinigten Staaten auch Schwellenländer profitieren würden: „Europa ist das neue China. Durch eine starke Nachfrage für ausländische Kapitalanlagen wird es für den Rest dieser Dekade eine dominante Rolle in der Bildung globaler Trends an den Kapitalmärkten spielen.“

          Anlageergebnis aus Sicht eines amerikanischen Investors
          Anlageergebnis aus Sicht eines amerikanischen Investors : Bild: F.A.Z.

          Denn die Währungsentwicklung hat große Folgen für die Kapitalanlage. Aus Sicht eines amerikanischen Anlegers ergibt es wenig Sinn, im Euroraum Geld anzulegen. Für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit gibt es nur 0,9 Prozent Rendite, und die Europäische Zentralbank wird ihren Leitzins eher noch weiter senken.

          In Amerika dagegen haben die Renditen in diesem Jahr angezogen. Die Anleger erwarten eine erste Leitzinserhöhung im ersten Halbjahr 2015. Die Rendite für amerikanische Staatsanleihen war zuletzt bis auf 2,6 Prozent geklettert. Damit werfen amerikanische Anleihen rund 1,4 Prozentpunkte mehr Rendite ab als deutsche. Das ist ein in historischer Sicht sehr großer Renditeabstand.

          Daher besteht ein großer Anreiz für europäische Anleiheinvestoren, ihr Geld in amerikanische Anleihen anzulegen. Umgekehrt wären Bundesanleihen für Amerikaner nur dann einigermaßen attraktiv, wenn der Euro zum Dollar aufwerten würde und Währungsgewinne die niedrigere Rendite der Bundesanleihen ausgleichen würden. Falls aber der Euro weiter zum Dollar abwertet, erhöhen sich für den amerikanischen Anleger die Verluste.

          Anlageergebnis aus Sicht eines Investors aus dem Euroraum
          Anlageergebnis aus Sicht eines Investors aus dem Euroraum : Bild: F.A.Z.

          Diese Rechnung lässt sich für den Aktienmarkt in den vergangenen Monaten nachvollziehen. Der Dax hat in Punkten in drei Monaten 7,7 Prozent verloren. Dies ist die Rechnung, die den in Euro rechnenden deutschen Anleger interessiert. Für den Amerikaner aber ist die Bilanz noch bitterer. Denn dieser in Dollar rechnende Anleger beklagt zusätzlich Währungsverluste. Er hat mit dem Dax in den vergangenen drei Monaten sogar 14,1 Prozent verloren.

          Umgekehrt hat sich ein Engagement am amerikanischen Aktienmarkt für den deutschen Anleger ausgezahlt - wegen der Währungsgewinne des Dollar. Zwar hat der amerikanische Aktienindex S&P 500 in Punkten in den vergangenen drei Monaten 1,5 Prozent verloren. Doch diese Rechnung gilt nur für den in Dollar rechnenden Anleger. Der in Euro rechnende deutsche Anleger freut sich dank der Währungsgewinne des Dollar über Gewinne mit amerikanischen Aktien in den vergangenen drei Monaten von immerhin 5,9 Prozent.

          Der Euro-Wechselkurs im Verlauf der letzten 15 Jahre. Dem Höchststand von 1,604 Dollar vor ungefähr fünf Jahren folgte ein unruhiger Verlust
          Der Euro-Wechselkurs im Verlauf der letzten 15 Jahre. Dem Höchststand von 1,604 Dollar vor ungefähr fünf Jahren folgte ein unruhiger Verlust : Bild: F.A.Z.

          Von der Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar ist indirekt auch der Schweizer Franken betroffen, der ebenfalls gegenüber der amerikanischen Währung abwertet. „Dies hat eine Reihe von Ursachen“, heißt es in einem Marktkommentar der Bank Safra. „Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich gemäß den letzten Umfragen in allen wichtigen Währungsräumen eingetrübt - so auch in der Schweiz.“ Hinzu kommt: „Die Schweizer Notenbank hat ihren geldpolitischen Spielraum aufgrund der Fixierung des Wechselkurses weitgehend verloren und wird der Zinspolitik der EZB im Grundsatz folgen. Dies schließt voraussichtlich Leitzinsänderungen bis 2017 aus.“ Anders in Amerika: Dort dürfte die Fed ihren Leitzins im Jahre 2015 wieder erhöhen.

          In den vergangenen Tagen hat sich die Abwärtsbewegung indes ein wenig abgeschwächt. Vor allem nachdem die am Mittwoch veröffentlichten Sitzungsprotokolle der amerikanischen Notenbank Zinserhöhungen wieder in weitere Ferne rücken, wertet der Euro auf. Kostete die Gemeinschaftswährung am vergangenen Freitag nur 1,2505 Dollar, so sind es am Donnerstag schon wieder 1,2775 Dollar. Allein am Donnerstag gewann der Euro fast einen Cent gegenüber dem Dollar hinzu.

          Zudem sind starke Wechselkursrückgänge nicht unbedingt außergewöhnlich. Zwischen Dezember 2009 und Juni 2010 etwa fiel der Eurokurs um rund 30 Cent von einem Fünf-Jahres-Hoch auf ein Fünf-Jahres-Tief.

          Die größten Kursrückgänge des Euro
          Zeitraum Dauer in Monaten Startkurs Endkurs Rückgang (Cent/Monat)
          Juli - Oktober 2008 3 1,5923 1,2540 16,92
          Dezember 2009 - Juni 2010 6 1,5095 1,1960 5,23
          Mai 2014 - Oktober 2014 5 1,3925 1,2515 2,82
          Mai 2011 - August 2012 16 1,4285 1,2125 1,35
          Oktober 2014 - Januar 2017 (Prognose) 27 1,2765 0,9500 1,21
          Quelle: Eigene Berechnungen

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