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Eurokrise : Zweifel an Frankreichs erstklassiger Bonität

Demonstrationen in Paris gegen die neue Rentenreform Bild: dpa

Am CDS-Markt steigt die Risikoprämie auf Rekordhöhe. Die Anleger befürchten den Verlust des höchstmöglichen AAA-Ratings. Die Neuverschuldung Frankreichs ist so hoch wie noch nie.

          3 Min.

          Sorgen um eine sinkende Kreditwürdigkeit haben am Montag die Risikoprämie Frankreichs auf eine Rekordhöhe getrieben. Die Absicherung einer fünfjährigen Forderung von einer Million Euro gegenüber dem französischen Staat kostete eine jährliche Versicherungsprämie von 10 600 Euro. Händler führen dies auf die Befürchtung zurück, Frankreich könne seine erstklassige Bonitätsnote (AAA/Aaa) bei den Ratingagenturen verlieren. Dann würden sich die Kosten für die Schuldenaufnahme verteuern. Das aktuelle Niveau von 1,06 Prozent, auf dem die Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps; CDS) für Frankreich handeln, entspräche einem um sieben Stufen schlechteren Rating von BBB+.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Noch kritischer beurteilt der CDS-Markt Belgien mit einer Risikoprämie von 2,03 Prozent. Das Land genießt bei Standard & Poor’s (S&P) mit AA+ noch immer das zweithöchste Rating, obwohl es eine Staatsverschuldung hat, die der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht, und zudem vom Sprachenstreit politisch gelähmt ist. Länder wie die Tschechische Republik oder die Slowakei, die mit jeweils A+ ein niedrigeres Rating aufweisen, werden günstiger bewertet: Die Absicherung tschechischer Anleihen kostet eine CDS-Prämie von 0,9 Prozent. Für die Slowakei sind nur 0,8 Prozent nötig. Selbst Chile wird mit 0,9 Prozent sicherer bewertet. Dem Kreditdatenanbieter CMA zufolge entspricht die aktuelle CDS-Prämie Frankreichs einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 9,7 Prozent. Im Vergleich dazu liegt die Slowakei bei 7 Prozent und Marokko bei 8,8 Prozent.

          Der Plan zur Eindämmung der Schulden steht

          Die Nervosität der Finanzmärkte hat sich längst auf den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seine Regierung übertragen. Nach außen hin heißt die Devise: Keine Beunruhigung zeigen. Doch Paris will nicht den leisesten Zweifel an der Kreditwürdigkeit aufkommen lassen. Daher betonte die Regierung zuletzt immer wieder, dass der aktuelle Plan zur Eindämmung der Staatsverschuldung eingehalten werde: 2011 soll die Neuverschuldung von 7,7 auf 6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) sinken, 2012 auf 4,5 Prozent und 2013 auf 3 Prozent.

          Bild: F.A.Z.

          Eine solche Rückführung habe es in den vergangenen fünfzig Jahren nicht gegeben, sagte kürzlich Haushaltsminister François Baroin. Dieses von der Europäischen Union abgesegnete Tempo sei auch ausreichend, um die Schulden nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, erwartet er. Im öffentlichen Dienst würden im kommenden Jahr 30 000 Vollzeitstellen gestrichen, und Strukturreformen wie die Rentenreform seien auf den Weg gebracht. Mit Erleichterung wurde auch aufgenommen, dass S&P Anfang Dezember die AAA-Note für Frankreich bestätigte.

          Neuverschuldung so hoch wie noch nie

          Absolut gesehen ist der Kreditbedarf so hoch wie in keinem anderen Land des Euroraums. Die Neuverschuldung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Währungsunion erreicht bis Jahresende 149,7 Milliarden Euro – so viel wie noch nie. Relativ zum BIP sind nur Griechenland, Belgien, Irland, Italien und Portugal noch höher verschuldet. Zur Verschuldung des französischen Zentralstaats kommen die Milliarden-Defizite der staatlichen Sozialversicherung und der Kommunen hinzu. In zwei Jahren wird die auf 55 Milliarden Euro geschätzte Zinslast voraussichtlich fast so schwer wiegen wie die Staatsausgaben für Bildung und Erziehung.

          Aufgrund der Staatsschulden werden französische Großbanken wie BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole schon länger an der Börse mit einem Abschlag gehandelt, obwohl sie die Finanzkrise bisher gut überstanden haben. Jedoch weisen sie hohe Engagements in den Euro-Krisenländern auf. Amerikanische Ökonomen wie Nouriel Roubini rechnen mit einem Domino-Effekt der Schuldenkrise, der bald auch Frankreich erfasse. Noch ist das Land weit entfernt von den CDS-Prämien, die für Spanien (3,4 Prozent), Portugal (4,7 Prozent), Irland (5,8 Prozent) oder Griechenland (9,7 Prozent) gezahlt werden müssen.

          Eigene Währung für Krisenländer?

          Um die Schuldenprobleme dauerhaft zu lösen, hält der größte Anleiheinvestor der Welt, Pimco, einen vorübergehenden Austritt von Griechenland, Irland und Portugal aus dem Euro-Raum für notwendig. Diesen Ländern werde es nicht gelingen, innerhalb eines festen Wechselkursmechanismus wie dem Euro zu wachsen und gleichzeitig ihren Haushalt zu entlasten, sagte Andrew Bosomworth, Leiter des Portfoliomanagements der Allianz-Tochtergesellschaft, in einem Zeitungsgespräch. Mit einer eigenen Währung könnten sie ihre Güter im Ausland günstiger verkaufen. Die Politik darf seiner Ansicht nach nicht länger die Augen vor einer Staatspleite verschließen. Entweder sie baue jetzt eine glaubwürdige und damit langfristig stabile Wirtschafts- und Fiskalunion auf. Oder sie riskiere den Zusammenbruch der Währungsunion.

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