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Eurokrise : Herabstufung verstärkt Druck auf Spanien

Das fünfte Zusammentreffen in Paris: Mariano Rajoy und François Hollande Bild: AFP

Standard & Poor’s schätzt Spaniens Kreditwürdigkeit nur noch eine Stufe über Ramsch ein. Die Investoren reagieren gelassen, denn viele rechnen schon damit, dass Spanien Finanzhilfe beantragt.

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          Die abermals gesenkte Kreditbenotung Spaniens durch die amerikanische Ratingagentur Standard&Poor’s (S&P) ist an den Finanzmärkten gelassen aufgenommen worden. Spanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit rentierten am Donnerstagnachmittag mit 5,8 Prozent nur leicht höher als am Vortag. An den europäischen Aktienbörsen stiegen die Kurse, der Euro wertete gegenüber dem Dollar auf und Italien bekam über eine Anleiheauktion neuen Kredit zu erträglichen Konditionen. Als ein Grund für die ruhige Marktreaktion gilt, dass viele Marktteilnehmer ohnehin erwarten, Spanien werde seine europäischen Partnerländer um Finanzhilfe für den Staat selbst und nicht nur für die in Schwierigkeiten steckenden Banken bitten.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Dadurch würde das neue Anleihekaufprogramm („OMT“) der Europäischen Zentralbank aktiviert, dessen Vorankündigung bereits zu einer merklichen Rally spanischer wie italienischer Staatsanleihen führte. Durch das nun verschlechterte S&P-Rating ist ein Hilfeersuchen nach allgemeiner Wahrnehmung auf dem Markt wahrscheinlicher geworden. „Die Herabstufung ist im Grunde ein aufmunternder Klaps, jetzt die Hand zu heben und ein Hilfsprogramm zu beantragen“, sagte Johannes Müller, Chefvolkswirt der zur Deutschen Bank gehörenden Fondsgesellschaft DWS.

          Gerade noch „investitionswürdig“

          Am späten Mittwochabend hatte S&P mitgeteilt, Spaniens Kreditbenotung um zwei Stufen auf „BBB-“ herabgesetzt zu haben mit negativem Ausblick. Die Kreditbewerter begründeten das damit, dass sich Spaniens Wirtschaft weiter in einer schweren Rezession befinde mit sich verschlimmernden sozialen Spannungen und einem immer geringeren Spielraum der spanischen politischen Institutionen, diese Herausforderungen zu meistern. In diesem Zusammenhang bemängeln die Analysten von S&P weiterhin eine mangelnde Entschiedenheit der Euroländer, die Krise des Währungsraum zu lösen.

          Das neue S&P-Rating Spaniens liegt eine Stufe oberhalb des Bereichs, der von Investoren als spekulativ („Junk“) angesehen wird. Die Ratingagentur Moody’s bewertet die Kreditwürdigkeit Spaniens in ihrer Skala bereits mit der korrespondierenden Note („Baa3“), Fitch schätzt sie um eine Stufe besser ein. Gerade Moody’s könnte indes alsbald eine größere Kursreaktion auslösen, weil die Analysten derzeit ihre Bewertung für Spanien überprüfen und schon im Oktober als erste der drei großen Agenturen die Note in den „Junk“-Bereich absenken könnten, ist zu hören. Benoteten die Agenturen Spanien nicht mehr als „investitionswürdigen“ („Investment Grade“) Schuldner, drohen spanische Anleihen unter erhöhten Verkaufsdruck zu geraten, weil die Anleihen des Landes aus wichtigen Anleiheindizes herausfielen und Investoren, die sich an ihnen orientieren, gezwungen wären, zu verkaufen.

          Spanien zögert bisher Finanzhilfen zu beantragen

          Höhere Renditen und damit steigende Finanzierungskosten wären die Folge. Und dies vor dem Hintergrund, dass Spanien im kommenden Jahr nach Angaben des Finanzdatenanbieters Bloomberg Anleihen im Volumen von beinahe 134 Milliarden Euro tilgen muss - deutlich mehr als das Doppelte der diesjährigen Fälligkeiten. Dass Spanien das riskiert, hält DWS-Volkswirt Müller für unwahrscheinlich: „Wir rechnen damit, dass Spanien demnächst ein Programm beantragt, weil das Land aus unserer Sicht nicht warten kann, bis beispielsweise eine Auktion misslingt und der Marktzugang infrage steht.“

          Die spanische Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy zögert bisher, abermals Finanzhilfe zu beantragen mit Rücksicht auf bevorstehenden Regionalwahlen im Baskenland und in Galicien am 21. Oktober und die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens, wo am 25. November vorgezogene Wahlen stattfinden. Er hält sich aber auch zurück, weil Spanien aus dem Kreis seiner wichtigsten Partnerländer und Organisationen, wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), widersprüchliche Signale erhält: Während Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nun wiederholt die Auffassung vertrat, dass Spanien - nach der Bankenhilfe - nicht auch noch eine staatliche Rettungsaktion brauche, legt unter anderem der IWF mit Hinweis auf die schlechte Wirtschaftsentwicklung des Mittelmeerlandes zumindest indirekt einen solchen Schritt nahe.

          Rajoy suchte derweil bei seiner schon fünften Zusammenkunft mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Hollande in Paris Unterstützung mit dem Ziel, auf die zögernde Haltung der deutschen Bundesregierung einzuwirken. Rajoy verlangte ein „klares Signal“ zugunsten der europäischen Wirtschaftsintegration und appellierte an die EU-Staaten „die außerordentlichen wichtigen Entscheidungen vom Juni“ über die Banken- und Fiskalunion und vor allem die direkte Kapitalisierung der Banken rasch zu verwirklichen.

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