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Ermittlungen gegen Banken : Sturm der Empörung über Zinsmanipulation

Kunden vor Barclays-Filiale in London Bild: Reuters

Im Zentrum des Skandals um die Manipulation wichtiger Marktzinsen steht bisher die Londoner Großbank Barclays. Doch auch gegen die Deutsche Bank wird ermittelt.

          2 Min.

          Der Skandal um die Manipulation wichtiger Marktzinsen bringt die internationalen Großbanken abermals in die Schusslinie öffentlicher Kritik. Aufsichtsbehörden in Europa, den Vereinigten Staaten und Asien ermitteln wegen der Vorwürfe gegen knapp 20 Banken, darunter auch die Deutsche Bank. Im Zentrum des Skandals steht bisher die Londoner Großbank Barclays. In Großbritannien führten die Manipulationen in den vergangenen Tagen zu einer Welle öffentlicher Empörung über die Geschäftspraktiken der Banken. Premierminister David Cameron forderte den Vorstandschef der Großbank Barclays wegen des Skandals indirekt zum Rücktritt auf.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          “Die Leute sollten Verantwortung übernehmen für ihr Handeln, (...) das ist sehr wichtig, und gilt für alle im Unternehmen bis ganz an die Spitze“, sagte Cameron am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Die Manipulationen seien Ausdruck eines Finanzsystems, „das die Gier über alle Bedenken stellt und unsere Wirtschaft in die Knie gezwungen hat“, sagte der britische Finanzminister George Osborne. „Wenn er nur eine Unze Schamgefühl hätte, würde er sofort zurücktreten“, hieß es am Finanzplatz London. Der Barclays-Chef weigert sich bisher, seinen Posten aufzugeben. Er habe von den Machenschaften nichts gewusst, verteidigte sich Diamond. Der Amerikaner war schon vor dem Zinsskandal wegen seines hohen Gehalts Großbritanniens umstrittenster Banker.

          Kunden von komplexen Finanzderivaten falsch beraten

          Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass Barclays in Großbritannien und den Vereinigten Staaten umgerechnet 350 Millionen Euro Strafe zahlen muss, weil der Bank nachgewiesen wurde, dass sie zwischen 2007 und 2009 den Interbanken-Zinssatz Libor manipuliert hat. Der Barclays-Aktienkurs war daraufhin am Donnerstag um rund 16 Prozent eingebrochen. Auch die Notierungen der Royal Bank of Scotland (RBS), der HSBC, sowie der Schweizer UBS und amerikanischen Citigroup standen unter Druck. Am Freitag gerieten die britischen Banken weiter in die Kritik, weil sie Kunden im Geschäft mit komplexen Finanzderivaten falsch beraten haben. Barclays, HSBC, Lloyds und RBS müssen nun Schadensersatz zahlen.

          Auch gegen die Deutsche Bank wird wegen des Verdachts auf Zinsmanipulationen ermittelt. In ihrem jüngsten Zwischenbericht räumte die Bank sogar eine Reihe von zivilrechtlichen Klagen ein, die gegen sie in den Vereinigten Staaten eingereicht worden seien. Anfragen im Zusammenhang mit der Quotierung von Zinssätzen am Interbankenmarkt haben nach Angaben der Deutschen Bank das amerikanische Justizministerium, die Börsenaufsicht SEC, die Terminbörsenaufsicht CFTC sowie die Europäische Kommission gestellt.

          „Extrem ernste Konsequenzen“

          Die Deutsche Bank kooperiere mit den Behörden hinsichtlich der Untersuchungen. Zu der Geldbuße gegen Barclays wollte sich ein Unternehmenssprecher nicht äußern. In der jüngsten Vergangenheit hat die Bank zahlreiche Rechtsstreitigkeiten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, durch Vergleiche beigelegt. Dass ein Vergleich der Deutschen Bank in den Libor-Ermittlungen kurzfristig möglich sei, wird aber in Finanzkreisen bezweifelt. Die Untersuchungen im Zusammenhang mit der Manipulation von Interbankenzinsen haben vor einem Jahr begonnen. Nach Medienberichten haben sich deshalb die Royal Bank of Scotland, die Schweizer UBS, die amerikanische JP Morgan und die Deutsche Bank von Händlern getrennt.

          Der Libor (London Interbanking Offered Rate) hat im internationalen Finanzgeschäft eine wichtige Leitfunktion. Er ist der Referenzzinssatz für zahlreiche Finanzprodukte von Swap-Geschäften und Unternehmenskrediten bis zu Kreditkarten, Hausfinanzierungen und Sparkonten. Der Libor wird vom britischen Bankenverband BBA täglich auf Basis der Angaben von großen Banken errechnet. Die Manipulationen hätten „extrem ernste Konsequenzen“, teilte der BBA mit. Barclays wurde nachgewiesen, dass Händler der Bank zwischen 2005 und 2008 den Libor durch falsche Angaben manipuliert haben, damit Kollegen aus den Zinsbewegungen Profit schlagen konnten. Barclays und möglicherweise auch andere Banken haben außerdem in der Finanzkrise zwischen 2007 und 2009 zu niedrige Zinssätze angegeben, um ihre angespannte Liquiditätslage zu kaschieren.

          Der Libor

          Der Libor ist ein Interbankenzins und die Abkürzung für London Interbank Offered Rate. Er wird täglich vom britischen Bankenverband berechnet. An den Libor orientieren sich alle Banken der Welt, wenn sie sich gegenseitig Kredit gewähren.

          Der Libor wird für zehn Währungen berechnet, darunter Pfund, Dollar und Euro. Die hohe Bedeutung des Libor resultiert daraus, dass er Referenzzins für Finanzprodukte auf der ganzen Welt im Wert von 350 Billionen Dollar ist.

          Der Libor für Dollar-Kredite wird von 18 am Finanzplatz London tätigen Banken ermittelt. Dabei befragt der britische Bankenverband die Institute, zu welchem Zinssatz sie sich zuletzt Geld geliehen haben. Die geringe Anzahl der befragten Banken ermöglicht Absprachen. (maf.)

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