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Erklär mir die Welt (5) : Warum gibt es eigentlich Zinsen?

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Luther nannte ihn „das größte Unglück der deutschen Nation, ein Anzeichen, daß die Welt mit schweren Sünden dem Teufel verkauft ist“. Aristoteles hielt ihn für „widernatürlich“, und Dante verbannte diejenigen, die sich seiner bedienten, zusammen mit den Sündern von Sodom und Gomorrha in den siebten Kreis der Hölle.

          Die Rede ist vom Zins, jenem wohl kapitalistischsten aller Phänomene, der allen Verboten zum Trotz in jedem Kulturkreis alltäglich ist. Zur Zeit Hammurabis von Babylon im zweiten Jahrhundert vor Christus lag der Zinssatz für geliehenes Geld bei 20 Prozent. Kein Wunder, daß von Moses bis Mohammed die Zinsnahme von fast allen religiösen Führern dem Wucher gleichgesetzt und mehr oder weniger strikt abgelehnt wurde. Auch Christus fordert laut Lukas-Evangelium in der Bergpredigt: „Tut Gutes und leiht, wo Ihr nichts dafür zu bekommen hofft“, was oft als Zinsverbot ausgelegt wird.

          Preis für zeitlich vorgezogenen Konsum

          Selbst bei den heute üblichen Zinssätzen von fünf oder sechs Prozent kommen über lange Laufzeiten leicht Zahlungsverpflichtungen zusammen, die den ursprünglich ausgeliehenen Betrag um ein Vielfaches überschreiten. Wer ein Haus auf Pump kauft, dessen monatliche Bankrate besteht erst einmal fast nur aus Zinsen. Oft ist die Immobilie auch nach 30 Jahren noch nicht abbezahlt, obwohl man bis dahin schon das Doppelte des eigentlichen Kaufpreises an die Bank überwiesen hat. Dafür bewohnt man dann allerdings auch schon in jungen Jahren mit seiner Familie ein Haus, das man sich aus normaler Ersparnis eigentlich erst im Alter leisten könnte - also dann, wenn man es gar nicht mehr so dringend bräuchte.

          Bild: F.A.Z.

          Der Zins ist deswegen bei genauerer Betrachtung nicht etwa der Preis des Geldes, sondern der Preis für die Zeit - genauer gesagt für zeitlich vorgezogenen Konsum nach dem Motto „Leben Sie jetzt - bezahlen Sie später“.

          „Geld wirft keine Jungen“

          Kein Geringerer als der heilige Augustinus hat das bereits im vierten Jahrhundert nach Christus erkannt. Allerdings fand er gerade deswegen den Zins besonders verwerflich, denn die Zeit gehöre Gott und dürfe deshalb nicht verkauft werden. Die katholische Kirche hat das Zinsverbot endgültig erst 1983 aus dem Kodex des kanonischen Rechts gestrichen.

          Ein anderes Argument hat Aristoteles gegen die Zinsnahme vorgebracht. Er erkannte durchaus an, daß es so etwas wie eine natürliche Verzinsung gibt, zum Beispiel die Vermehrung eines Samenkorns im Boden. Im Gegensatz zu einem Samenkorn ist jedoch das Geld nach Aristoteles eine tote Substanz: „Geld wirft keine Jungen“. Der Zinsgewinn des Verleihers sei deshalb eine bloße Illusion. Es stehe ihm keinerlei gesamtwirtschaftlicher Ertrag gegenüber, sondern nur ein ebenso großer Verlust des Schuldners.

          Dieses sogenannte Unfruchtbarkeitsargument steht allerdings auf ziemlich tönernen Füßen. Wenn etwa der geliehene Geldbetrag vom Schuldner dafür verwendet wird, Saatgut zu kaufen, fällt es sofort in sich zusammen. Sogar der reine Konsumentenkredit kann sehr produktiv sein, worauf kein Geringerer als der Nobelpreisträger Paul Samuelson in einem interessanten Aufsatz von 1958 hingewiesen hat.

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