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Fonds-Investments : „Ein Scheitern Merkels wäre ein Desaster“

Bernhard Langer, Geschäftsführer des Investmentunternehmens Invesco. Bild: Frank Röth

Bernhard Langer sorgt sich um Europa. Die Banken hat der Anlagestratege von Invesco untergewichtet. Er zweifelt auch an der EZB. Deren Anleihekäufe hätten bislang nicht die gewünschte Wirkung.

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          Es gibt ein Szenario, das der oberste Anlagestratege der amerikanischen Fondsgesellschaft Invesco nicht erleben will. „Sollte die Bundeskanzlerin Angela Merkel scheitern und bei den Bundestagswahlen im kommenden Jahr nicht zur Wiederwahl antreten, dann würde dies im außereuropäischen Ausland als Desaster empfunden“, sagt Bernhard Langer im Gespräch mit dieser Zeitung. Seiner Ansicht nach gilt Merkel in Asien und Amerika als Garantin für eine vernünftige Politik. Und die hat Europa derzeit dringend nötig. „Investoren in Amerika und Asien verstehen Europa nicht.“ Diese Unsicherheit führt Langer darauf zurück, dass die vertrauensbildenden Maßnahmen in Europa wie zum Beispiel die Stresstests für Banken ihr Ziel verfehlt haben.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diesen Umstand nutzen amerikanische Banken sehr aggressiv für sich, um in Asien europäische Wettbewerber auszustechen. Diese Klage ist oft aus europäischen Banken zu hören. Aber auch Langer ist von Europa nicht so richtig überzeugt, schon gar nicht von den Banken. „Wir haben europäische Banken deutlich untergewichtet“, sagt er. Die einzige Ausnahme sind skandinavische und spanische Banken. Hier verweist der Invesco-Stratege auf das sehr ausgeglichene Geschäftsmodell. Mit anderen Worten:

          Die Abhängigkeit von den Kapitalmärkten ist gering, gleichzeitig werden stabile Erträge im klassischen Kundengeschäft erzielt. Ein Umstand, der dazu beigetragen hat, dass skandinavische Banken in den jüngsten Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) und der Europäischen Zentralbank (EZB) sehr gut abgeschnitten haben.

          Langer erwartet im Anleihekaufprogramm der EZB bald Engpässe

          Langer nimmt weder die Deutsche Bank noch die Commerzbank in den Mund. Aber die Gründe, warum er europäische Bankaktien sehr skeptisch sieht, gelten auch für die beiden größten Banken Deutschlands, die gegenwärtig mit vielen Problemen konfrontiert sind. Die meisten europäischen Banken weisen nach Ansicht Langers Fragen bezüglich der künftigen Ertragskraft und gleichzeitig ein zu hohes Kostenniveau auf. Sie sind also wenig effizient, und obendrein ist derzeit nicht erkennbar, wo in Zukunft Gewinne erzielt werden sollen.

          Die Ertragsprobleme sind auch auf die extrem niedrigen Zinsen zurückzuführen. Zudem müssen die Banken für die Mittel, die sie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, einen Einlagenzins von minus 0,4 Prozent, also einen Strafzins zahlen. Gleichzeitig kauft die EZB im Monat Staats- und Unternehmensanleihen, Pfandbriefe und forderungsbesicherte Wertpapiere im Volumen von 80 Milliarden Euro.

          Doch Langer erwartet im Anleihekaufprogramm der EZB bald Engpässe. „Angesichts ihrer engen Kriterien werden ihr bald die Titel ausgehen, die sie kaufen kann“, sagt der Invesco-Stratege. Ein Problem, über das auch der EZB-Rat auf seiner letzten Sitzung gesprochen hat. Die EZB kauft bislang nur Anleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren. Darüber hinaus erwirbt sie von einer Staatsanleihe nur bis zu 33 Prozent des Emissionsvolumens. Von Unternehmensanleihen kann sie nach eigenen Vorgaben sogar 70 Prozent einer Emission kaufen.

          Bei supranationalen Institutionen hat die EZB die Grenze im März von 33 auf 50 Prozent angehoben. Schließlich dürfen die Renditen der Anleihen nicht unterhalb der kritischen Marke von minus 0,4 Prozent liegen. Doch die meisten Bundesanleihen liegen schon darunter. Derzeit prüfen Gremien in der EZB eine Änderung der Kriterien, um gegebenenfalls das Kaufprogramm sogar noch ausweiten zu können.

          „Wir mögen keine Übernahmen“

          Doch das hält Langer für den falschen Weg: „Die Politik der quantitativen Lockerung verpufft.“ Sie schade zwar nicht, aber sie erziele auch nicht den erhofften Wirkungsgrad. Für ihn steht fest: „Der Wunsch, dass die Banken die Kreditvergabe ausweiten und damit die Konjunktur in Gang bringen, wird sich nicht erfüllen.“ Wesentliche Ursache dafür sind die Probleme europäischer Banken mit Altlasten wie zum Beispiel mit den faulen Krediten in Italien. „Gleichzeitig faule Kredite abbauen und neue zu vergeben ist unmöglich“, fügt Langer hinzu.

          Dass die sehr aggressive Geldpolitik der EZB an Grenzen stößt, sehen auch viele andere Investoren so. Der Ruf nach mehr Staatsausgaben wird lauter. Eine expansivere Fiskalpolitik in Europa hatten zuletzt die Vermögensverwalter von Columbia Threadneedle oder Standard Life Investments gefordert. Auch Langer hält es für denkbar, dass die staatlichen Ausgaben steigen werden. Der Plan von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, die Investitionen in die Infrastruktur, Forschung und Projekte für kleine und mittlere Unternehmen zu erhöhen, ist dafür ein Beispiel. Juncker will damit Investitionen von 315 Milliarden Euro anstoßen.

          Die Finanzmärkte hält Langer für nicht mehr billig. Trotzdem seien die Investoren bereit, für solide und werthaltige Unternehmen mit stabilen Dividenden eine Prämie zu bezahlen. Solche Unternehmen sind seines Erachtens Nestlé, Allianz oder BASF. Bayer, der Leverkusener Pharmakonzern erwirbt den amerikanischen Saatgutkonzern Monsanto, zählt er nicht dazu: „Wir mögen keine Übernahmen“, sagt Langer.

          Diese sind ihm in der Regel zu teuer und schaffen in den seltensten Fällen einen Mehrwert. Darüber hinaus bleibe offen, wie sich die unterschiedlichen Kulturen von Bayer und Monsanto miteinander verbinden ließen. Privatanleger kommen Langer nicht daran vorbei, im aktuellen Marktumfeld höhere Risiken einzugehen. Diese müssten sie dann auf verschiedene Anlageklassen verteilen.

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