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Dreijahrestender : Zweiter Auftritt von Draghis „Dicker Bertha"

  • -Aktualisiert am

Kaiserstraße 29: Im ersten Stock landen alle Gebote der Banken Bild: Lisowski, Philip

Die EZB wird den Banken zum zweiten Mal Geld für die ungewöhnliche lange Laufzeit von drei Jahren anbieten. Bankanalysten erwarten eine große Nachfrage.

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          Auf die Banken des Euroraums kommt am Donnerstag ein neuerlicher Geldsegen zu. Zum zweiten und wie der österreichische Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny sagte wohl letzten Mal können sie sich für drei Jahre Geld zum Leitzins verschaffen. „Ich glaube schon, dass die Gefühlslage im EZB-Rat die ist, dass wir deutliche Maßnahmen gesetzt haben und jetzt einmal abwarten und beobachten.“ Er sehe keinen Handlungsbedarf, sagte Nowotny.

          Beim ersten dieser Langfristtender liehen sich rund 500 Banken 489 Milliarden Euro. Umfragen deuten daraufhin, dass am Dienstag und Mittwoch kommender Woche Gebote in ähnlicher Höhe abgegeben werden. Allerdings schwanken die Schätzungen zwischen 200 Milliarden und mehr als einer Billion Euro. Sicher ist nur, dass die nationalen Notenbanken am Donnerstag das geliehene Geld den Banken zuteilen und am selben Tag auch die erforderlichen Sicherheiten erhalten, sofern das nicht schon zuvor geschehen ist. Am Donnerstag laufen dann auch alle Daten im ersten Stock der EZB-Zentrale in der Frankfurter Kaiserstraße ein, wo die Marktabteilung der EZB sitzt.

          Die Gesamtnachfrage der Banken wird mit Spannung erwartet, weil der erste Dreijahrestender im Dezember den Stimmungsumschwung auf den Kapitalmärkten begünstigt hat. Bei der Ankündigung Anfang Dezember sei dieser Schritt noch unterschätzt worden, sagte EZB-Präsident Mario Draghi dieser Zeitung im Interview. Alle hätten darauf gesetzt, dass er ausgedehnte Ankäufe von Staatsanleihen in Aussicht stellen würde. Dieser Schritt galt im Marktjargon als die „Bazooka“ oder Panzerfaust der EZB. Er habe sich immer gefragt, warum sich ausgerechnet ein so kleinkalibriges Schießgerät als Bild durchgesetzt habe, sagte Draghi scherzhaft. Vielleicht hätte er ja den Langfristtender als „Dicke Bertha“ ankündigen sollen, um mehr Eindruck zu machen, fügte er hinzu.

          Risikoprämie im Interbankenhandel Bilderstrecke

          Im Vergleich zu einer Bazooka hat das Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg eine weitaus größere Durchschlagskraft. Und so scheint es sich auch mit der Wirkung des Langfristtenders zu verhalten. Seit Dezember haben sich die Finanzierungsbedingungen für Banken im Euroraum deutlich verbessert. Anleiheemissionen sind wieder möglich und auch der Geldmarkt ist - wenn auch noch immer gestört - allmählich aufgetaut. So ist zum Beispiel der Abstand des Euribor-Satzes, zu dem sich Banken untereinander für drei Monate Kredite geben und der ein Ausfallrisiko enthält, zum Eonia-Swap, der Zinserwartungen ohne Kreditrisiken abbildet, von gut 1 auf 0,66 Prozentpunkte gesunken.

          Für die Banken lindern die beiden Langfristgeschäfte die größten Finanzierungssorgen. Vor der Krise waren sie es gewohnt, den Austausch zwischen Banken, die über mehr als genügend Geld verfügten, und solchen, die zu wenig hatten, über den Anleihemarkt zu organisieren. Doch seitdem manche Banken selbst über Nacht nicht als kreditwürdig gelten, ist der Anleihemarkt weitgehend zum Erliegen gekommen. Neue Anleihen waren lange Zeit nicht platzierbar, alte werden aber fällig - allein im ersten Quartal dieses Jahres werden dafür mehr als 200 Milliarden Euro benötigt. Die Banken verschaffen sich also Geld für längere Zeit bei den Notenbanken, um so ihre fälligen Anleihen bedienen zu können. Durch die nun angebotene lange Laufzeit der EZB-Ausleihungen erreichen die Kreditinstitute eine solidere Finanzierung und verringern in ihren Bilanzen den gefährlich großen Fristenunterschied zwischen den Laufzeiten von Verbindlichkeiten und Forderungen.

          Umgekehrt haben sich allerdings auch Laufzeit und Summen der EZB-Forderungen drastisch erhöht. Vor der Krise gab das Eurosystem für höchstens drei Monate Kredit. Im Schnitt betrug die Restlaufzeit der Finanzierungen weniger als 40 Tagen. Heute haben die acht ausstehenden Finanzierungsgeschäfte der EZB im gewichteten Durchschnitt eine Restlaufzeit von 624 Tagen oder rund 20 Monaten. Mit der bevorstehenden zweiten „Dicken Bertha“ dürfte sich dieser Wert auf etwa zwei Jahre erhöhen.

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