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Schwellenländer : Die große Ernüchterung

China: Sollte das Schwellenland in eine Krise geraten, wären die Folgen auch für die Industrienationen erheblich. Bild: Reuters

Jahrelang berauschte sich der Westen am Potential der Schwellenländer. Jetzt werden diese Länder als Herd einer Finanzkrise gesehen – wieder einmal.

          Wirtschafts- und Finanzkrisen sind in Schwellenländern keine Seltenheit. Mit der Erklärung eines Staatsbankrotts durch Mexiko im Jahre 1982 begann die große Lateinamerikanische Schuldenkrise, die der Region ein verlorenes Jahrzehnt bescherte und den westlichen Gläubigern viel Kummer bereitete. Kaum überstanden, brach im Jahre 1994 in Mexiko die sogenannte Tequila-Krise aus, in der Kapitalflucht und Peso-Abwertung in eine Wirtschaftskrise mündeten.

          Im Jahre 1997 traf ausgerechnet dynamische asiatische Schwellenländer, sogenannte „Tigerstaaten“ wie Thailand, Südkorea und Indonesien eine schwere Krise, die nervöse Anleger anschließend nach Russland übertrugen. Auch die sogenannte Russlandkrise war durch Kapitalflucht und stark schwankende Finanzmarktpreise gekennzeichnet.

          Nun herrscht wieder Furcht vor einer Krise in den Schwellenländern. Ein erstes Wetterleuchten hatte bereits im Mai 2013 stattgefunden, als der damalige Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, die Möglichkeit einer Reduzierung der Käufe amerikanischer Anleihen durch die Fed erwähnte. Die Folge waren schwere Turbulenzen an den Finanzmärkten in Schwellenländern. Ehemals wegen eines erheblichen wirtschaftlichen Aufholpotenzials gepriesene Staaten wie Indien, Indonesien oder die Türkei wurden plötzlich sehr skeptisch beurteilt.

          Potential der Schwellenländer immer wieder überschätzt

          Heute sind zwar noch keine schweren Verwerfungen zu beobachten, aber in zahlreichen Schwellenländern befinden sich die Börsen in einer Baisse. Angst vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage ist ein Grund, warum Geld aus Schwellenländern in die Industrienationen fließt. Rund 300 Milliarden Dollar sind seit Sommer vergangenen Jahres aus China abgeflossen, wo die immer noch sehr stattlichen Währungsreserven schrumpfen. Insgesamt könnten in diesem Zeitraum etwas mehr als eine Billion Dollar die Schwellenländer verlassen haben.

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          Die Ursachen für dieses Hin und Her sind seit Jahrzehnten identisch: In den westlichen Industrienationen wird zunächst das wirtschaftliche Potential von Schwellenländern als gewaltig dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist die Erfindung des „Bric“-Konzepts (Brasilien, Russland, Indien, China) durch den damaligen Chef-Volkswirt von Goldman Sachs, Jim O‘Neill, vor rund 15 Jahren. Daraufhin setzen sich gewaltige Kapitalströme von den Industrienationen in die Schwellenländer in Bewegung, weil westliche Kapitalanleger vom Potential der aufstrebenden Länder profitieren wollen. Ein nicht geringer Teil dieses Geldes wird kurzfristig verliehen und immer wieder prolongiert. Wenn die Zinsen in den Industrienationen niedrig sind, fließt das Geld besonders reichlich. In den Schwellenländern finden sich stets dankbare Abnehmer für den breit fließenden Geldstrom.

          Leider wird immer wieder das wirtschaftliche Potential der Schwellenländer überschätzt und die mit den Geldströmen verbundene Risiken unterschätzt. Es existieren gerade in Asien wirtschaftlich erfolgreiche Staaten, aber mit einiger Verwunderung wird in jüngerer Zeit konstatiert, dass beispielsweise Russland und Brasilien nach wie vor stark von Rohstoffen abhängig sind und daher unter der Baisse der Rohstoffpreise leiden. Der auf wirtschaftliche Entwicklung spezialisierte Ökonom Dani Rodrik warnt seit Jahren, dass keineswegs alle Schwellenländer die Industrialisierung nachvollziehen werden, sondern direkt von einer Agrarwirtschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft mutieren, in der nicht viele international wettbewerbsfähige Arbeitsplätze entstehen dürften.

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