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Deutsche Staatsanleihen : Bundesbank wird größter Gläubiger des Bundes

Die EZB im Rücken: Die Bundesbank in Frankfurt am Main Bild: dpa

85 Prozent aller Bundesanleihen haben negative Renditen. Trotzdem hat die Finanzagentur keine Probleme, Abnehmer zu finden. Wie kann das sein?

          Die Schuldenverwalter des Bundes machen sich keine Sorgen wegen der negativen Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe. Diese Entwicklung hat sich schon länger abgezeichnet. Nun sind es gut 85 Prozent aller Bundesanleihen über 1,15 Billionen Euro, die einen negativen Marktzins haben. Für Tammo Diemer, Geschäftsführer der für die Schuldenverwaltung zuständigen Finanzagentur, ist entscheidend, dass der Markt für Bundesanleihen funktioniert.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Auktionen laufen reibungslos ab. Trotz der negativen Renditen ist die Nachfrage in den Auktionen in diesem Jahr höher ausgefallen als das Angebot: Für die 103 Milliarden Euro an neuen Bundeswertpapieren boten die Investoren rund 125 Milliarden Euro. Für Diemer ist wichtig, dass die dort erzielten Preise den Marktkonditionen entsprechen. Die Renditen sollen also nicht von denen am Markt abweichen. „Das sorgt für Vertrauen unter den Investoren.“

          Ein erster Test steht an diesem Mittwoch an: Der Bund wird eine zehnjährige Bundesanleihe über 4 Milliarden Euro aufstocken. Der Zinskupon beträgt 0,5 Prozent, aber die Emissionsrendite dürfte auf ein neues Rekordtief fallen. Das stammt aus dem April 2015 mit 0,13 Prozent. Bislang lag die Grenze für den Zinskupon bei Bundesanleihen wie zum Beispiel der Fünfjährigen bei null Prozent. Das wird auch so bleiben: „Wir werden keine negativen Zinskupons einführen“, sagt Diemer.

          „Auch wenn dies technisch machbar wäre, möchten wir von unseren Investoren keine Zinsen einfordern müssen“, fügt er hinzu. Denn Bundeswertpapiere seien Inhaberpapiere, bei denen die Investoren anonym bleiben. „Das erleichtert den Handel mit diesen Titeln deutlich, und ich kann Ihnen versichern, dass bislang noch kein Investor den Wunsch geäußert hat, negative Kupons einzuführen.“ Bei einem Zinskupon von null Prozent ergibt sich eine negative Emissionsrendite, wenn die Investoren den Titel in der Auktion über dem Nennwert kaufen. „Das hat bislang ohne Probleme funktioniert“, betont Diemer.

          „Für Zinszahlungen planen wir im Bundeshaushalt in diesem Jahr 23,8 Milliarden Euro.“

          Seinen Worten zufolge spiegelt die Rendite der Bundesanleihen das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider. Wenn der Kurs bei hoher Nachfrage steigt, sinkt umgekehrt die Rendite. Niedrige oder negative Renditen sind Ausdruck hoher Kurse. Mit der Bundesbank, die für die Europäische Zentralbank (EZB) Bundeswertpapiere kauft, ist laut Diemer ein starker Marktteilnehmer auf der Nachfrageseite hinzugekommen. Das hat auch seine positiven Seiten. „Früher mussten wir den Flieger nehmen, um unsere größten Investoren zu besuchen, heute reicht eine zehnminütige Taxifahrt“, sagt der Geschäftsführer der ebenfalls in Frankfurt ansässigen Finanzagentur schmunzelnd.

          Aber auch ausländische Zentralbanken bleiben wichtige Investoren. Vor allem die Schweizerische Nationalbank kauft Bundesanleihen, wenn sie eine Aufwertung des Frankens zum Euro eindämmen will. Nach Angaben von Diemer gibt es gegenwärtig auch viele Verkäufer. „Dazu zählen vor allem Zentralbanken aus Asien, die ihre Positionen in Euro reduzieren, um ihre eigene Währung zu stützen oder um ihr Währungsportfolio zu diversifizieren.“ Sie bauten ihre Euroreserven oftmals durch den Verkauf von Bundesanleihen ab. Ein Grund dürfte auch die derzeit wenig erfreuliche Verzinsung der Bundesanleihen sein. In den vergangenen fünf Quartalen haben nach Angaben der Finanzagentur asiatische Zentralbanken Bundesanleihen in Höhe von 60 Milliarden Euro verkauft. Dagegen kauften europäische Notenbanken für rund 170 Milliarden Euro.

          Durch die Käufe der Bundesbank ist der Anteil der inländischen Investoren an den Bundeswertpapieren gestiegen. Entfielen vor zwei Jahren auf sie noch weniger als 10 Prozent, sind es nun schon deutlich mehr als 15 Prozent. Von den ausländischen Investoren sitzen die meisten in Europa und Asien. „Die Bundesbank ist nach unseren Schätzungen mit einem Anteil von 8 Prozent einer unserer größten Investoren“, berichtet Diemer.

          Die Finanzagentur erwartet, dass der gesamte Inlandsanteil nach dem bisher geplanten Ende der EZB-Käufe im März des kommenden Jahres bei etwa 25 Prozent liegen wird. In anderen Ländern haben die Notenbanken in ihren Kaufprogrammen einen größeren Anteil an den Staatsanleihen ihres Landes erworben: In den Vereinigten Staaten kontrolliert die Federal Reserve 18 Prozent der amerikanischen Staatsanleihen über 13,8 Billionen Dollar. In Großbritannien hält die Bank von England mehr als ein Viertel, und in Japan kommt die Notenbank auf mehr als ein Drittel der Staatsschulden.

          Wie sehr der Bund von dem niedrigen Zinsniveau profitiert, zeigen die jährlichen Zinsausgaben. „Für Zinszahlungen planen wir im Bundeshaushalt in diesem Jahr 23,8 Milliarden Euro. Hier spüren wir die niedrigen Zinsen deutlich, denn vor Jahren mussten wir mehr als 30 Milliarden Euro dafür aufwenden“, sagt Diemer. Er bezieht sich dabei auf den Bundeshaushalt einschließlich der Sondervermögen wie zum Beispiel dem Erblastentilgungsfonds. Ohne diese Sondervermögen musste der Bund im Jahr 2008 für Anleihen über 933 Milliarden Euro Zinsen von 40 Milliarden Euro zahlen. In diesem Jahr sind für 1,05 Billionen Euro an Schulden nur noch Zinsen in Höhe von 21 Milliarden Euro zu zahlen.

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