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Derivatemarkt in der Finanzkrise : Wenn die Risikoprämie zum Ersatz-Rating wird

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Derivatemarkt reagiert noch sensibler als die Aktienbörsen auf vermeintliche und wirkliche Schieflagen der Finanzunternehmen. Geringe Kosten für Kreditsicherungen signalisieren Stabilität und sind Wettbewerbsvorteile.

          Pünktlich zur Mittagszeit lässt sich Nikolaus von Bomhard ein Blatt mit den Aktienkursen des Tages reichen. Das Ritual zwischen Dessert und Kaffee wirkt offenbar beruhigend auf den Vorstandsvorsitzenden der Münchener Rück. Es ermöglicht ihm auf einen Blick die Vergewisserung, dass mit der eigenen Gesellschaft und dem Rest des Marktes alles im Lot ist. Genauso aufmerksam studiert von Bomhard seit dem Beginn der Finanzkrise die Preise auf den Derivatemärkten. Was kostet die Absicherung einer Forderung gegen die Münchener Rück? Wie sieht es beim ärgsten Konkurrenten Swiss Re aus? Und wie stehen die großen Banken da?

          Die Risikoprämien für Kreditabsicherungen - im Fachjargon Credit Default Swaps genannt (CDS) - sind verlässliche Stimmungsbarometer in der Finanzkrise. Der Derivatemarkt reagiert noch sensibler als die Aktienbörsen auf vermeintliche und wirkliche Schieflagen der Finanzunternehmen. Nicht nur deshalb achten die Manager der Banken und Versicherer so sehr auf die Risikoprämien. Jeder Anstieg kostet vor allem die Banken viel Geld. Steigen die Absicherungskosten, müssen sie meist auch bei der Neuemission ihrer Anleihen einen zusätzliche Zinsaufschlag bieten. Das erhöht die Finanzierungskosten oder macht, was schlimmer sein kann, eine Emission gänzlich unmöglich.

          Unter Beobachtung

          Auch auf dem Geldmarkt, wo sich die Banken untereinander kurzfristig Geld leihen, werden die CDS-Spreads aufmerksam beobachtet. Das Misstrauen ist dort so groß, dass nur noch die Notenbanken als jederzeit verlässlicher Leihepartner übrig geblieben sind.

          Versicherer sind auf die Ausgabe von neuen Anleihen kaum und auf den Geldmarkt gar nicht angewiesen. Denn sie erhalten laufend die Prämienzahlungen ihrer Kunden, die im Normalfall die Ausgaben für die Schäden weit übersteigen. Trotzdem ist die CDS-Risikoprämie für die großen Versicherer zu einem bedeutenden Qualitätsmerkmal geworden. Eine geringe Risikoprämie signalisiert, dass die Teilnehmer auf dem Derivatemarkt die Finanzkraft der Gesellschaft als solide einschätzen.

          Eigentlich sollte diese Funktion von den Bonitätsnoten der Ratingagenturen erfüllt werden. Doch das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Ratings von Agenturen wie Standard & Poor's, Fitch, Moody's oder A.M.Best hat in der Finanzkrise gelitten.

          Das Vertrauen hat gelitten

          Der Niedergang der American International Group verdeutlicht warum. Zu Jahresbeginn war AIG noch der wichtigste Erstversicherer der Erde. Der Börsenwert der europäischen Verfolger Axa und Allianz reichte nicht einmal in der Summe an die Bewertung von AIG heran. Bei den Ratingagenturen hatten die Amerikaner selbst dann noch einen exzellenten Ruf, als Aktionäre und Gläubiger sich schon in Scharen abwendeten. Am Freitag, den 12. September bestätigte S&P noch das sehr gute Rating mit „AA-“. Das ist die viertbeste Note. Am Montag darauf drohte dem Versicherer die Pleite, und nur eine riesige Bürgschaft des amerikanischen Staates verhinderte dies - zunächst. Heute ist AIG immer noch in Schwierigkeiten und hat die staatliche Hilfe nahezu aufgebraucht. S&P bewertet die Bonität von AIG nun mit „A-“, was immer noch eine gute Note ist.

          Die Risikoprämien auf dem CDS-Markt sprechen dagegen eine ganz andere Sprache. Wer heute eine erstrangige Forderung über 10 Millionen Dollar gegen AIG für fünf Jahre absichern will, zahlt 2,5 Millionen Dollar im Jahr. Mit anderen Worten: Eine Zahlungsstörung wird als nahezu sicheres Ereignis angesehen.

          Bonität des Versicherers ist wichtig

          Die Bonität des Versicherers ist wichtig, weil die gewerblichen Kunden sicherstellen müssen, dass ihr Versicherer auch in vielen Jahren noch zahlungsfähig ist. In Sparten wie der Haftpflichtversicherung kann zwischen den Prämienzahlungen und der Abwicklung von Schäden ein sehr langer Zeitraum vergehen. Ein gutes Rating war deshalb bisher eine wichtige Geschäftsgrundlage für die Versicherer. Doch was ist angesichts der Erfahrung mit AIG zum Beispiel von dem „AA-“-Rating der Münchener Rück zu halten? Das sehr gute Rating allein scheint nicht mehr zu reichen. Die Münchener Rück verweist deshalb gern auf die geringen CDS-Absicherungskosten. Wer eine Forderung gegen den Rückversicherer absichern will, zahlt derzeit knapp 0,7 Prozent der versicherten Summe im Jahr, also 70 000 Euro für die Absicherung von 10 Millionen Euro. Beim Schweizer Konkurrenten Swiss Re liegt diese Summe derzeit sechsmal höher.

          Und wie schlagen sich die deutschen Banken? Inzwischen wieder besser. Bei den meisten Kreditinstituten sind die CDS-Risikoprämien wieder unter 100 Basispunkte gesunken. Auffällig hoch ist der Wert bei der HSH Nordbank, wo der CDS-Sicherungsnehmer gut 3 Prozent der versicherten Summe zahlt. Die Landesbank will eine Bürgschaft des Bundes, wird sie aber wohl nur erhalten, wenn die Bank ihr Kapital erhöht.

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