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Geldpolitik : Der Zins ist wieder da

Janet Yellen, amerikanische Notenbank-Präsidentin, bei der Pressekonferenz zur Leitzinserhöhung am 16. Dezember. Bild: Reuters

Die amerikanische Notenbank macht nach sieben langen Jahren Schluss mit ihrer Nullzinspolitik. Damit kann der Zins endlich wieder seine Wirkung entfalten. Gut für Sparer, unbequem für Unternehmen und Staaten.

          Endlich. Die amerikanische Notenbank-Präsidentin Janet Yellen sitzt im schicken Blazer am Tisch, die amerikanische Presse ihr gegenüber, die Welt ist per Videostream zugeschaltet. Gleich am Anfang ihrer einstündigen Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch sagt sie – ganz nüchtern – den entscheidenden Satz. „Der Offenmarktausschuss hat die Zielrate für die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht.“ Zwei Jahre wurde darüber diskutiert, jetzt hat die Fed genannte Notenbank sich endlich getraut und die Zinsen angehoben. Dies ist das Ende von sieben Jahren Niedrigzinspolitik, während der der Zins faktisch abgeschafft wurde. So lange pendelte er nach der Finanzkrise zwischen 0 und 0,25 Prozent.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch jetzt ist der Zins wieder da. Und die Börsen finden das gar nicht schlimm. Die Aktienkurse stiegen nach der Bekanntgabe in Amerika, aber auch in Europa, und der Dollar legte erwartungsgemäß gegenüber dem Euro etwas zu.

          Noch ist es ein minimaler Schritt. Die Leitzinsen, auch Fed Funds Rate genannt, liegen nun zwischen 0,25 bis 0,5 Prozent. Das ist immer noch so niedrig wie nie zuvor. Nach der letzten Erhöhung 2006 vor der Finanzkrise lagen die Leitzinsen bei 5,25 Prozent. Es ist nicht absehbar, ob und wann sie jemals wieder dieses Niveau erreichen werden. Aber Yellen kündigte an, dass sie sie weiter anheben will. Ende 2016 könnten sie bei 1,4 Prozent, Ende 2017 schon bei 2,5 Prozent liegen, wenn die amerikanische Konjunktur so lange noch weiter wächst. Auf diesem Niveau können dann Anleger kurzfristig ihr Geld bei ihrer Bank parken.

          Aber auch die Zinsen langfristiger Anleihen aus Amerika dürften nun weiter steigen. So erwartet die Commerzbank für diese Papiere Ende 2016 eine Rendite von drei Prozent. Die europäischen Anleihen würden sich einem Teil des Zinsanstiegs nicht entziehen können. Die Bundesanleihe werde in einem Jahr 0,9 Prozent statt derzeit 0,6 Prozent abwerfen – und das, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) versucht, mit der Ausweitung der Käufe solcher Anleihen die Zinsen niedrig zu halten. Ihre Leitzinsen wird sie anders als ihr amerikanisches Pendant bei fast null belassen.

          Es wurde höchste Zeit

          Trotzdem: Die Zinswende ist eingeleitet, vor allem in Amerika, aber etwas weniger kräftig auch im Euroraum. Das wird zumindest in Amerika höchste Zeit. Der Aufschwung dort währt schon sechs Jahre, er ist seit einiger Zeit stark genug, um ohne eine starke Stimulanz durch ultraniedrige Zinsen zu wachsen. Doch die Fed hat gezögert, weil sie sich nicht sicher war, ob die Wirtschaft höhere Zinsen verträgt. Lange Zeit hat sie sogar wie die EZB das Niveau durch Käufe von Anleihen stark gedrückt.

          Beide Notenbanken haben damit die wichtige volkswirtschaftliche Funktion des Zinses faktisch außer Kraft gesetzt. Mit Folgen: „Die Manipulation von Zinsen durch die Notenbanken richtet große Schäden an“, kritisiert Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Er hofft nun auf Linderung durch die Zinswende. Der Zins soll wieder wirken.

          Er soll zum Beispiel wieder das Risiko von Investitionen anzeigen. Das ist derzeit nicht der Fall. Dies zeigt sich zum Beispiel beim Kauf einer Immobilie. Derzeit wollen sich viele Deutsche Häuser oder Wohnungen zulegen, weil die Baukreditzinsen mit unter zwei Prozent so günstig wie nie sind. Sie kaufen dann auch schnell einmal für etwas mehr, als das Häuschen wert ist, weil sie ja bei der Finanzierung sparen.

          Nullzinsen gaukeln Wohlstand vor

          Das machen auch die, die es sich in normalen Zinszeiten nicht leisten könnten – und das auch noch teilweise zu 100 Prozent kreditfinanziert. Diese Menschen werden arge Schwierigkeiten bekommen, wenn sie in zehn oder 15 Jahren ihre Finanzierung verlängern müssen – zu dann vielleicht drei oder fünf Prozent. Nullzinsen gaukeln mehr Wohlstand vor, als wirklich vorhanden ist.

          Das gilt auch für Unternehmen. Anleihen von wenig soliden Firmen werfen teilweise nicht einmal vier Prozent ab. Normal wäre mindestens das Doppelte, um die Anleger für ihr Risiko ausreichend zu entschädigen. Der Zins suggeriert auch hier mehr Qualität, als vorhanden ist. Und die niedrigen Finanzierungskosten machen die Unternehmen tatsächlich weniger anfällig für einen Zahlungsausfall. Das ist aber eben nicht Resultat eines erfolgreichen Geschäftsmodells. Mit einem Zinsanstieg können solche Firmen schnell wieder in die Bredouille kommen. Ein höherer Zins zwänge sie aber, jedes Projekt noch genauer durchzurechnen. Er hilft Fehlinvestitionen zu vermeiden.

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