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Internetplattform Debitos : Mit faulen Krediten Geld verdienen

Kredite mit Gegenwind: Prokon Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

Über Debitos können Banken und Unternehmen zweifelhafte Forderungen verkaufen. Damit ist die Internetplattform ein Schrottplatz für notleidende Kredite – mit rasantem Wachstum.

          3 Min.

          Scheitern kann auch eine Chance sein. Diese Erfahrung hat Timur Peters gemacht. Nun ist er Geschäftsführer und Teilhaber eines jungen Internetunternehmens, das trotz der gegenwärtig großen Welle an Neugründungen in der Finanztechnologie (Fintech) eine Alleinstellung genießt. Wenig schmeichelhaft lässt sich Debitos als Schrottplatz für ausfallgefährdete Forderungen beschreiben. Aber dieser Schrottplatz wächst rasant: Peters hat eine Handelsplattform für notleidende Kredite im Internet geschaffen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf die Idee kam er vor Jahren, als er in Rotterdam für einen Kreditanbieter tätig war, der Darlehen direkt, also ohne Zwischenschaltung einer Bank vermittelt. Peters hatte eine Forderung samt Gerichtsurteil gegen einen deutschen Unternehmer, der aber nicht zahlte. Der Versuch, das Paket auf Ebay zu versteigern, scheiterte. Die Handelsplattform lehnte dies ab. Zwar sah Peters von seiner Forderung nichts mehr, aber er war um eine Geschäftsidee reicher. Nun zeigt er sich selbstbewusst und will sogar ins Ausland expandieren. Mit der Entwicklung der Forderungsplattform hatte er im Jahr 2010 begonnen. Dem war ein intensiver Austausch mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und die Klärung der datenschutzrechtlichen Themen vorausgegangen.

          Banken trennen sich von Problemkrediten

          Nun kann Peters von einer guten Resonanz auf seine Plattform berichten. „Insgesamt sind mehr als 1400 Verkäufer von offenen Forderungen aktiv. Hinzu kommen etwa 350 registrierte Investoren.“ Das versteigerte Forderungsvolumen überschritt nach seinen Angaben vor kurzem die Marke von 1,4 Milliarden Euro. Laut Peters verkaufen gegenwärtig 20 Banken und 300 mittelständische Unternehmen Forderungen. Die Investoren kaufen die Forderungen mit einem Abschlag auf den Nominalwert, und hoffen aus der Verwertung von Sicherheiten oder einer höheren Insolvenzmasse auf einen Gewinn. Dabei handelt es sich um Investmentbanken, Fonds, Inkassounternehmen und Rechtsanwälte, die für spezielle Vermögensverwalter tätig sind. Jeder Zehnte stammt aus dem Ausland, vor allem aus dem angelsächsischen Raum.

          Das Geschäft mit faulen Krediten war vor gut zehn Jahren auf viel Interesse gestoßen, als amerikanische Finanzinvestoren wie Lone Star oder Cerberus von deutschen Banken Milliardenpakete an Problemkrediten gekauft hatten. Man erwirbt diese mit einem Abschlag, zahlt also für die Forderung von einem Euro zum Beispiel nur 0,20 Euro. Wenn die Sicherheit wie etwa die Immobilie verwertet wird, kann ein Gewinn herausspringen. Banken trennen sich von diesen Problemkrediten, weil sie die Bearbeitung (Workout) nach konjunkturell schwierigen Zeiten mit einer Anhäufung der Kreditausfälle überfordert.

          Aber auch mittelständische Unternehmen, darunter viele Zulieferer, sind daran interessiert, die faulen Kredite rasch loszuwerden. Damit könnten sie Liquiditätsengpässe überbrücken, sagt Peters. Den Unternehmen sind andere Lösungen zu zeitintensiv und zu teuer. „Hohe Außenstände binden Kapital und belasten die Bilanz“, fügt Peters hinzu. Ansonsten müssten die Unternehmen in eine eigene Rechtsabteilung mit extra Personal und Fixkosten investieren. Die Inkasso-Rückflüsse kämen nur versetzt, oftmals nach Jahren. Rechtsanwälte einzuschalten sei mit Vorabkosten verbunden und der Ausgang zudem ungewiss, so Peters.

          Der „Schrott“ wirft Rendite ab

          Er nennt ein Fallbeispiel: Ein Zulieferer von Prokon war in seiner Existenz durch die Insolvenz des Windparkbetreibers bedroht. Er hatte eine offene Forderung von 11,3 Millionen Euro. Auf der Debitos-Plattform war im März 2015 ein Mindestpreis von 24,34 Prozent oder 2,75 Millionen Euro genannt worden. Am Ende erhielt der Zulieferer 3,8 Millionen Euro. Gegenwärtig werden Insolvenzforderungen vom Baumarkt Praktiker, von Kirch Media, der Drogeriemarktkette Schlecker oder des Brennstoffherstellers German Pellets gehandelt. Laut Peters gibt es auf Debitos Investoren, die für German-Pellets-Forderungen mehr als 30 Prozent des Ausgangswertes zahlen wollen.

          Dass der „Schrott“ eine Rendite abwirft, zeigt die Insolvenz des Stromhändlers Teldafax. Noch im Frühjahr 2014 hatte es so ausgesehen, als ob von den 650 Millionen Euro an Schulden kaum noch etwas reinzuholen wäre. Entsprechend wertlos waren die Forderungen gegenüber Teldafax. Aber nun ist es wahrscheinlich, dass die Hälfte der Schulden bedient wird. Denn der Insolvenzverwalter hat 214,4 Millionen zuzüglich 40 Millionen Euro an Zinsen eingesammelt. Er kündigte zudem an, weitere 100 Millionen Euro einzusammeln zu wollen.

          Debitos verdient laut Peters je Transaktion eine Provision zwischen 1 und 9 Prozent des Verkaufserlöses. Diese Gebühren bezahlt in der Regel der Forderungsverkäufer. Peters sieht sich in einem sehr großen Markt. Jährlich fielen in Deutschland bei Unternehmen 225 Milliarden aus und bei Banken 74 Milliarden Euro. Seine Plattform hält er in Europa für einzigartig. „Ja, wir denken über eine Expansion ins Ausland nach“, sagt Peters und nennt Spanien und Großbritannien als interessante Märkte.

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