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Europäische Zentralbank : Die Aufsichtsräte der Banken sind zu lasch

Alles im Überblick: Die EZB überwacht die 129 größten Banken der Eurozone. Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank ist mit der Arbeit der Führungsgremien in den Banken unzufrieden. Die Risikobereitschaft der Institute sei zu hoch. Die oberste Bankenaufseherin Danièle Nouy kündigt nun neue Maßnahmen an.

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          Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) sind mit der Arbeit der Führungsgremien in den Banken unzufrieden. Deshalb kündigte die oberste EZB-Bankenaufseherin Danièle Nouy am Donnerstag in Frankfurt an, dass EZB-Vertreter in Zukunft an Sitzungen der Gremien teilnehmen wollen. Das würde bedeuten, dass EZB-Aufseher in Vorstand- oder Aufsichtsratssitzungen der Deutschen Bank oder der Commerzbank am Tisch säßen. Dadurch könne der Einblick in die Arbeitsweise dieser Gremien verbessert werden, was zu einer genaueren Einschätzung führen würde. Nach den Worten von Nouy sollte auch der Besuch von Sitzungen möglich sein, auf denen Maßnahmen von strategischer Bedeutung besprochen würden.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Aussagen der obersten EZB-Bankenaufseherin folgen auf einen in dieser Woche veröffentlichten Bericht der Zentralbank, in dem die Leitungsorgane der direkt beaufsichtigten Banken sowie deren Risikobereitschaft untersucht wurden. Die Leitungsorgane müssten ihre Fähigkeit, die Geschäftsführung unabhängig zu hinterfragen und zu überwachen, weiter ausbauen, fasst Nouy ein zentrales Ergebnis zusammen. Damit macht die EZB klar, dass sie der Überwachung des Vorstands durch den Aufsichtsrat nicht wirklich traut. Nach Aussage von Nouy sind das kollektive Wissen, die Unabhängigkeit und die Verteilung der Zuständigkeiten innerhalb des Kontrollgremiums in einer Reihe von Instituten verbesserungswürdig.

          Auch die Risikobereitschaft bereitet den EZB-Bankenaufsehern Sorge. Denn sie fordern in dem Bericht, dass die meisten Banken einen „robusteren, umfassenderen und ihrem Gesamtrisikoprofil entsprechenden Rahmen für die Risikobereitschaft“ umsetzen müssen. Damit wollen die Aufseher eine Stärkung des Risikobewusstseins und ein tragfähigeres Geschäftsmodell erreichen. Das dürfte vielen Banken Kopfzerbrechen bereiten, denn aufgrund der in dem extremen Niedrigzinsumfeld wegbrechenden Zinserträge sind sie gezwungen, alternative Ertragsquellen zu erschließen.

          Viele nationale Aufseher wie die Finanzaufsicht Bafin oder die Bundesbank in Deutschland haben sich zuletzt für einen Ausbau der Provisionserträge ausgesprochen. Eine weitere Alternative auf der Suche nach Rendite ist natürlich die Inkaufnahme höherer Risiken. Die Bankenvorstände forderte die EZB auf, die Risikomesszahlen und -limite konsequenter anzuwenden, genauer zu überwachen und den Aufsichtsräten regelmäßig Rückmeldungen zu geben. Schließlich soll der Risikobereitschaftsrahmen stärker auf die Geschäftspläne, Strategieentwicklung, Kapital- und Liquiditätsplanung sowie die Vergütungssysteme abgestimmt werden.

          Bankaufseher mahnen zur Aufmerksamkeit und Vorsicht

          Auf der einen Seite ermahnen die Bankenaufseher der EZB die Institute zu einer höheren Aufmerksamkeit und Vorsicht bei Geschäftsrisiken. Auf der anderen Seite ist ihre Geldpolitik mit dem Anleihekaufprogramm über insgesamt 1,7 Billionen Euro dafür verantwortlich, dass viele Marktzinsen inzwischen in den negativen Bereich gerutscht sind. Das zwingt Banken zu einer höheren Toleranz von Risiken, wenn die an den Kapitalmärkten geforderte Profitabilität erreicht werden soll. Die EZB überwacht die 129 größten Banken der Eurozone direkt und setzt darüber hinaus auch für die kleineren Institute die Rahmenbedingungen.

          Eine hohe Aufmerksamkeit haben in diesem Jahr die hohen Problemkredite in den Büchern der Banken. Schon seit längerem hatte Nouy angekündigt, dass sich die Aufseher diesem Thema stärker widmen wollen. Der Druck auf die Banken soll schrittweise erhöht werden. Derzeit sitzen die europäischen Banken auf Problemkrediten von 900 Milliarden Euro. Ein Großteil befindet sich in Südeuropa. Mit gut 7 Prozent des gesamten Kreditbestands liegt die Problemquote fünf Mal so hoch wie für amerikanische Banken.

          Nach der Schieflage der Bremer Landesbank intensivieren die EZB-Aufseher gegenwärtig auch ihre Abfragen zu Schiffskrediten. Die Flaute in der Schifffahrt und die Krise vieler Reeder sorgt auch in anderen Banken für Korrekturbedarf. Dazu zählen die Nord LB, die HSH Nordbank und die Commerzbank. Die Nord LB, in der die Bremer LB vollständig aufgehen wird, erwartet wegen der hohen Wertberichtigungen auf Schiffskredite in diesem Jahr einen Verlust. Die HSH Nordbank, die auf Geheiß von Brüssel bis 2018 entweder verkauft oder abgewickelt werden muss, ist für ihre Eigner, die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein, zum Milliardengrab geworden.

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