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Bundeswertpapiere : Aus für Bundesschatzbriefe

Aus für Günter Schild: Die Werbefigur der Bundesfinanzagentur dürfte nun zu den ausgestorbenen Arten zählen Bild: F.A.Z.

Diese Entscheidung könnte einen Sturm der Empörung auslösen: Der Bund schafft nicht nur die kostenlosen Schuldbuchkonten ab, sondern auch die beliebten Bundesschatzbriefe.

          Der Bund will offenbar bei der Staatsfinanzierung nicht mehr direkt mit den Bürgern zu tun haben und gibt sein Privatkundengeschäft auf. Das geht aus einer Mitteilung der Bundesfinanzagentur auf ihren Internetseiten hervor. Schon ab dem kommenden Jahr wird es den Bürgern nicht mehr möglich sein, neue Geschäfte mit der Bundesfinanzagentur abzuschließen. Für die Bürger hieße das Abschied nehmen von einigen vertrauten Geldanlagen und Einrichtungen.

          Abschaffung von Bundesschatzbriefen und Finanzierungsschätzen

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die „großen“ Finanzierungsschätze und die kleine Variante der „Bundesschätzchen“ genannten Schatzbriefe waren das Lieblingskind so manches Privatanlegers. Wachsende Zinsen und hohe Sicherheit lockten gerade konservative Anleger, vor allem weil die Mindestanlagesummen mit 500 Euro für die Schätze 52 Euro für die „Schätzchen“ hübsch niedrig waren. Nun wird es sie nicht mehr geben -  für den Bund war es anscheinend zu teuer. Das Bundesministerium der Finanzen habe unter dem Gebot einer möglichst kostengünstigen Gestaltung der Kreditaufnahme entschieden, den Vertrieb von Privatkundenprodukten zum Jahresende 2012 einzustellen, heißt es am Dienstag von der Finanzagentur.

          Keine neuen Schuldbuchkonten mehr

          Bis jetzt war es jedem Bürger möglich, gekaufte Bundeswertpapiere im Bundesschuldbuch eintragen zu lassen. Die Bundesfinanzagentur führte dazu Einzelschuldbuchkonten. Diese Konten waren kostenlos und den Geschäftsbanken ein Dorn im Auge, da es diesen das Vermittlungsgeschäft für Bundesschulden kaputt machte. Sie informierten daher interessierte Kunden nicht regelmäßig darüber, während der Bund für seine Konten keine oder nur wenig Werbung machte. Dieses Stillhalteabkommen gibt der Bund nun auf.

          Schon ab dem 22. August wird es nicht mehr möglich sein, neu aufgelegte börsennotierte Wertpapiere des Bundes in ein Einzelschuldbuchkonto eintragen zu lassen. Das betrifft Bundesobligationen und –anleihen, Bundesschatzanweisungen, die inflationsindexierten Anleihen und Obligationen sowie Dollar-Anleihen des Bundes.

          Keine Tagesanleihe bei der Finanzagentur mehr

          Auch sein jüngstes Kind lässt der Bund fallen. Erst 2008 hatte er mit einer täglich fälligen Anleihe unter dem Namen „Tagesanleihe“ ein Konkurrenzprodukt zu den Tagesgeldkonten der Geschäftsbanken aufgelegt. Doch das Produkt dürfte sich nicht so recht bewährt haben. Denn im Unterschied zu den Tagesgeldzinsen wurden bei der Tagesanleihe Marktentwicklungen unmittelbar an die Anleger weitergegeben. Während Tagesgeldanbieter ihre Konditionen eher zögerlich ändern, ging es beim Bund zu wie bei den Tankstellen – nur umgekehrt. Im Zuge des absinkenden Zinsniveaus sank der Zins auf die Anleihe beständig. Brachte sie Anfang 2008 noch fast 4 Prozent, waren es ein Jahr später nur noch 0,2 Prozent. Das Zwischenhoch 2011 fiel mit maximal 1,5 Prozent mager aus. Zuletzt waren es wieder nur noch 0,18 Prozent. Zwar heißt es offiziell nur, der Vertrieb über die Finanzagentur werde eingestellt, doch war dies der einzige Vertriebsweg.

          Keine Bundesobligationen mehr bei der Finanzagentur

          Privatanleger konnten Bundesobligationen (also Anleihen mit einer Laufzeit von 5 Jahren und einer Mindestanlage von 110 Euro) direkt gebührenfrei bei der Finanzagentur kaufen und verwahren lassen. Das wird künftig nicht mehr möglich sein.

          Für den Bund dürfte diese Entscheidung tatsächlich eine Kostenersparnis mit sich bringen. Die Banken dürften von etwas zusätzlichem Geschäft profitieren. Indes dürfte sich dies insoweit in Grenzen halten, als Kleinsparer nun vielfach ganz auf Bundeswertpapiere verzichten dürften. Der Bund stützt sich in der Finanzierung damit in viel höherem Maße als zuvor auf institutionelle Investoren und Banken, weil er sein Angebot nun viel stärker auf diese Zielgruppen zuschneidet.

          Bedeutend für die Finanzierung des Bundes waren die Privatanlegerprodukte indes nicht und hatten vor allem im vergangenen Jahrzehnt stark an Bedeutung verloren. Mit 7,52 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent der Kreditmarktmittel des Bundes erreichten die Bundesschatzbriefe noch das größte Volumen. 0,2 Prozent oder 2,13 Milliarden Euro entfielen zum 30. Juni auf die Tagesanleihe. Die Finanzierungsschätze waren mit 0,03 Prozent oder 364 Millionen Euro letztlich völlig bedeutungslos.

          Im Jahr 2000 hatten Bundesschatzbriefe noch mehr als 5 Prozent ausgemacht, der Anteil der Finanzierungsschätze war aber nur unwesentlich größer gewesen. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre hatte der Anteil an der Bundesschuld sogar bis zu 30 Prozent betragen.

          Klar zu sehen: der Bundesschatzbrief wurde immer bedeutungsloser
          Auch das Volumen der Produkte ist beständig zurückgegangen
          Bild eines Bedeutungsverlusts

          Der Bundesschatzbrief - gestorben im Alter von 43 Jahren

          In den sechziger Jahren gab es laut dem als Schöpfer des Papiers geltenden früheren Bundesbankdirektor Walter Reinhardt unter dem Namen „Volksobligation“ erste Überlegungen, ein Anleihen-Pendant zur Ausgabe von Volksaktien im Zuge der Reprivatisierung bundeseigener Betriebe zu schaffen. Das Wirtschaftsministerium wollte die Struktur des Rentenmarktes zu verbessern und mehr private Sparer für Bundesanleihen gewinnen. Ein stetiger Geldzufluss sollte die damals starken Kursschwankungen verringern. Zudem sollte so die private Vermögensbildung gefördert werden.

          Erst am 2. Januar 1969 wurden dann aber die ersten „Schätzchen“ begeben. Schon damals wetterten die Banken dagegen, da sie dies als Bedrohung für ihr Privatkundengeschäft ansahen. Zunächst wurde der Schatzbrief nur über Banken verkauft. Das begrenzte den Erfolg, der verkauf war nicht sehr lebhaft. So sorgten die Banken selbst dafür, dass der Bund schließlich in den Direktvertrieb einstieg. In Urkundenform gab es die Bundesschätzchen übrigens nie, sie wurden stets als Sammelschuldbuchforderung im Bundesschuldbuch eingetragen.

          Der Finanzierungsschatz wurde nur 37 Jahre alt. 1975 hatte der Bund diese Finanzierungsform aufgelegt, wohl weil der Absatz länger laufender Papiere ins Stocken geriet, als die Verschuldung des Bundes zu steigen begann. Damals war die Mindestanlagesumme mit 5000 D-Mark noch recht hoch, auch wenn der Erwerb inländischen Privatpersonen und privaten Unternehmen vorbehalten blieb.

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