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: Bundesbank beklagt Europa-Trägheit der Banken

  • Aktualisiert am

Gebäude der Bundesbank in Frankfurt Bild: F.A.Z.

Die Bundesbank will die deutschen Banken zu ihrem Glück zwingen und die Umstellung auf ein einheitliches europäisches Zahlungssystem auf gesetzlichem Weg herbeiführen. Trotz der erhofften Vorteile erfolgt die Umstellung nur schleppend.

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          Die Bundesbank will die deutschen Banken zu ihrem Glück zwingen und die Umstellung auf ein einheitliches europäisches Zahlungssystem auf gesetzlichem Weg herbeiführen. "Der marktgetriebene Ansatz führt ins Nichts", sagt Hans Georg Fabritius, der im Vorstand der Bundesbank für Bargeld, Rechnungswesen und Zahlungsverkehr verantwortlich ist, dieser Zeitung. "Wir brauchen ein gesetzlich festgelegtes Enddatum, zu dem der gesamte Euro-Zahlungsverkehr in allen Ländern auf Sepa-Standards umgestellt sein muss." Erst dann würden die Kosten- und Wettbewerbsvorteile vollständig wirken.

          Sepa steht für Single European Payments Area. Ziel ist die Schaffung eines einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraums. Den Standard für Banküberweisungen gibt es schon seit Januar 2008, der neue Sepa-Standard für Lastschriftverfahren ist gerade zu Beginn dieses Monats eingeführt worden. Doch das bedeutet bisher nur, dass ein Teil der Banken Überweisungen und Lastschriften nach dem neuen Standard im Programm haben.

          Trotz der erhofften Vorteile erfolgt die Umstellung nur schleppend

          Genutzt werden sie fast nie, weil die Kunden davon nichts wissen oder wegen des geringen unmittelbaren Nutzens für sich selbst lieber am Gewohnten festhalten. Sie überweisen ihr Geld also weiterhin mit den gewohnten Bankleitzahlen und Kontonummern. Zudem sperrt sich ein Teil der Banken gegen die Neuerung, insbesondere die Sparkassen, über die etwa die Hälfte Zahlungen in Deutschland fließen. Auch der deutsche Einzelhandel scheut die Umstellungskosten und will lieber mit dem alten nationalen Standard fortfahren. Sie plädieren dafür, dass Banken, Handel und Verbraucher sich freiwillig entscheiden können sollen, ob sie den Sepa-Standard nutzen wollen oder nicht.

          Die absehbaren volkswirtschaftlichen Vorteile scheinen für sich zu sprechen. Die Beratungsgesellschaft Cap Gemini schätzt, dass die Zahlungssysteme im Euro-Raum, Großbritannien, Schweden und Polen jährlich etwa 158 Milliarden Euro an Kosten verursachen. Zudem wachse das Zahlungsvolumen derzeit jährlich mit knapp 10 Prozent. Die volkswirtschaftlichen Gesamtvorteile durch die alleinige Nutzung eines einheitlichen Zahlungsstandards schätzt die Beratungsgesellschaft auf 123 Milliarden Euro, verteilt auf sechs Jahre.

          Doch trotz der erhofften Vorteile erfolgt die Umstellung nur schleppend. Massenhaft genutzt wird der neue Zahlungsstandard bisher nur in Luxemburg und Zypern. In allen großen europäischen Ländern führt er allenfalls ein Nischendasein. "Deutschland ist Schlusslicht bei der Nutzung der Sepa-Überweisung", klagt Bundesbank-Vorstand Fabritius. Selbst günstige Gelegenheiten, die Umstellung voranzutreiben, würden versäumt. So hat die Gebühreneinzugszentrale (GEZ), die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Zwangsgeld eintreibt, kürzlich Millionen Briefe an die Haushalte verschickt. Damit wurden für Lastschriften, die bislang ohne ausdrückliche Zustimmung der Zahler geführt wurden, das schriftliche Einverständnis eingeholt.

          Die Amtsschimmel wiehern laut

          Doch statt die Lastschriften gleich auf den neuen Sepa-Standard umzustellen, holte die GEZ die Zustimmungen für den alten Standard ein. Auch bei öffentlichen Verwaltungen vermisst die Bundesbank die Unterstützung für Sepa. Die Zahlungen von Behörden und Ämtern, die immerhin für etwa 20 Prozent des Volumens stehen, erfolgen fast ausschließlich weiterhin nach alten Standards. "Dabei war es doch gerade die Politik, die den Anstoß für einen einheitlichen Zahlungsverkehrsraum und damit zur Vollendung des europäischen Binnenmarkts gegeben hat", sagt Fabritius.

          Anlass waren die hohen Preise für Auslandsüberweisungen. Vor einigen Jahren kostete eine Zahlung auf ein Konto in einem anderen Land der Europäischen Union häufig 10 Euro oder sogar mehr. Die hohen Gebühren wurden zunächst mit einer Preisregulierung bekämpft. Auslandsüberweisungen dürfen nicht mehr als inländische kosten. Dadurch wurde auch die Einführung des neuen Sepa-Standards begünstigt. Die meisten Banken verfügen schon über die notwendige Infrastruktur, um neben den Sepa-Überweisungen auch Sepa-Lastschriften anzubieten.

          Doch die vollständige Umstellung der Zahlungen auf Sepa verläuft dennoch schleppend. Die Versicherer zum Beispiel beklagen, dass sie von ihren Kunden bei einer Umstellung auf Sepa zunächst neue Einverständniserklärungen einholen müssten. Das koste viel Geld und berge das Risiko, dass die Kunden bei dieser Gelegenheit die Verträge kündigen. Die Bundesbank schlägt deshalb ein Gesetz vor, durch das die Zahlungsempfänger bei bestehenden Lastschriften nur die Kunden über die Umstellung informieren und die Möglichkeit des Widerspruchs einräumen. Dann würden alle Lastschriften, bei denen der Kunde nicht reagiert, ohne sein weiteres Zutun auf Sepa umgestellt.

          33 Stellen für eine Überweisung

          Wer will, kann als vorbildlicher Europäer schon jetzt eine Überweisung nach dem neuen Sepa-Standard tätigen. Bei Bankgeschäften im Internet bieten die Banken zunächst das Formular für die herkömmliche Überweisung an. Ein Klick auf das Feld „Sepa-Überweisung“ öffnet ein anderes Formular. Doch die neue Welt der einheitlichen europäischen Zahlung beginnt mit einem bürokratischen Schock. Statt Bankleitzahl und Kontonummer mit insgesamt 14 bis 18 Ziffern, braucht der Zahlungswillige nun zwei Codes mit insgesamt 33 Buchstaben und Ziffern. Elf für den internationalen Code der Bank, an die das Geld fließen soll. Und weitere 22 Stellen für das Konto des Empfängers, im Sepa-Standard „Iban“ genannt, eine Abkürzung für International Bank Account Number. Der Wust von Zahlen und Buchstaben gewinnt beim genaueren Hinsehen Kontur: Die ersten beiden Buchstaben der Iban stehen für das Land, in Deutschland also „DE“. Danach folgen zwei Prüfziffern, mit denen Zahlendreher der weiteren Eingabe erkannt werden. Die nächsten acht Stellen sind für die Ziffern der bisherigen Bankleitzahl reserviert und die letzten zehn für die bisherige Kontonummer. Der größte Teil der persönlichen Sepa-Kontonummer ist den Bankkunden also schon jetzt bekannt.

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