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Bundesfinanzagentur : Bundesanleihen sind immer noch ein sicherer Hafen

Werbefigur aus früheren Tagen: „Günther Schild“ in der Eingangshalle der Finanzagentur Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Anleger sind auf der Suche nach Sicherheit. Gefunden wird sie im Frankfurter Norden – denn kein anderes Euromitglied wird für so solide gehalten wie Deutschland.

          Es gibt schwere Aufgaben und solche, die als Himmelfahrtskommando gelten. Zu der zweiten Gruppe gehört es wohl, 1,2 Billionen Euro Schulden verwalten zu müssen und einen Chef zu haben, der binnen eines Jahres weitere 200 Milliarden Euro beschafft haben will. Doch Carsten Lehr beunruhigt das nicht. „Ich schlafe gut“, sagt der 50 Jahre alte Lehr, Vater von drei Kindern. Er ist einer von zwei Geschäftsführern der Finanzagentur des Bundes und damit quasi oberster Schuldenmacher der Republik, vornehmer ausgedrückt: Debt Management Officer.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Der Bund ist ein Daueremittent“, beschreibt Lehr einen der größten Schuldner der Welt. 202,5 Milliarden Euro braucht der Bundesfinanzminister in diesem Jahr. Die Gläubiger wollen dieses Jahr 188,4 Milliarden Euro zurückgezahlt haben. Außerdem haben sie Anspruch auf 28 Milliarden Euro Zinsen. Lehr versetzt das nicht weiter in Aufregung. Seit der Gründung der Finanzagentur vor bald 16 Jahren ist er dabei, seit 2008 als Geschäftsführer. „Wir waren ein Start-up-Unternehmen“, sagt Lehr. „In kurzer Zeit mussten wir zunächst mit einer Handvoll Leuten die uns übertragenen Bereiche der Schuldenverwaltung aufbauen.“ Der Übergang war fließend. „Bis Freitag wurde in Berlin im Finanzministerium am Geldmarkt gehandelt, dann wurden alle Dateien kopiert und nach Frankfurt gefahren, und ab Montag waren wir dran.“

          Auf jede Marktsituation angemessen reagieren

          Von diesen aufgeregten Gründertagen ist heute nicht mehr viel zu spüren. In einem riesigen Gebäude in der Lurgiallee in Frankfurts Norden, das einst mehrere tausend Mitarbeiter der Lurgi AG und von Air Liquid beherbergte, sitzen heute 270 Mitarbeiter der Finanzagentur und managen den Schuldenberg Deutschlands. „Eine ständig wechselnde Herausforderung“, sagt Lehr. Die Abläufe sind routiniert. Doch aus der Gründerzeit habe sich die Agentur ihre Flexibilität bewahrt, um auf jede Marktsituation angemessen reagieren zu können.

          In Absprache mit dem Bundesfinanzministerium wird eine Emissionsplanung des Bundes erarbeitet, im Dezember veröffentlicht und anschließend abgearbeitet. Schon heute ist für das ganze Jahr 2016 klar, an welchem Tag der Bund welche Papiere emittieren wird und wie viel Geld er damit einnehmen möchte. „Wir haben keine Absatzprobleme“, beschreibt Lehr die komfortable Situation für Deutschland als Schuldner. Die Suche nach Sicherheit endet für viele Anleger derzeit in der Lurgiallee.

          Kein anderes Euromitglied wird für so solide gehalten wie Deutschland und bietet wegen seines hohen Schuldenstandes zugleich eine große Auswahl an gut handelbaren, liquiden Schuldtiteln. „Der Bund geht nicht auf Road-Show“, sagt Lehr in Anlehnung an die Werbetouren, die Unternehmen für gewöhnlich veranstalten, wenn sie um Geld der Anleger werben. „Wir treffen uns aber natürlich regelmäßig mit Investoren, um deren Meinung zu hören.“

          Auch die EZB gehört zu den Gläubigern

          Nur 17 Prozent der Gläubiger kommen aus Deutschland. „In den achtziger Jahren hatten wir zum Beispiel auch noch einen beachtlichen Anteil an deutschen Privatkunden“, sagt Lehr. „Sie halten heute hingegen weniger als 5 Milliarden Euro und damit deutlich unter 1 Prozent der Bundesschuld.“ Der Direktvertrieb von Bundeswertpapieren an Privatkunden wurde vor vier Jahren mangels Wirtschaftlichkeit ganz eingestellt. Banken, Investment- und Pensionsfonds sowie Versicherungen gehören nun zu den wichtigen Kunden.

          „Wir sind viel in Europa, aber auch in Asien und Amerika unterwegs“, sagt Lehr. Zuletzt ist verstärkt auch die Europäische Zentralbank (EZB) als Gläubiger hinzugekommen. Die Deutsche Bundesbank und die EZB halten aktuell schon rund 9 Prozent der deutschen Staatsschulden. Wird das derzeit bis März 2017 vorgesehene Anleihekaufprogramm planmäßig umgesetzt, steigt dieser Anteil auf mehr als 20 Prozent.

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