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Bundesanleihen : Ein Risiko?

Die Bundesfinanzgentur sieht kein Problem Bild: Zimmermann, Julia

Zuletzt schaffte es nicht einmal mehr Deutschland, seine Anleihen problemlos am Markt unterzubringen. Ist die Angst der Anleger berechtigt?

          3 Min.

          Zuletzt galten Bundesanleihen in einer Hinsicht als bombensicher: Sie produzierten mit Sicherheit Verlust. Die niedrigen Renditen wurden von Inflation und Abgeltungssteuer aufgefressen. Trotzdem empfahlen Vermögensverwalter die Papiere. Denn es war ein kleiner und zudem kalkulierter Verlust, der besser schien als das Risiko des Totalverlusts in diesen gefährlichen Zeiten für Investoren.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Doch spätestens seit Mittwoch der vorigen Woche hat sich etwas geändert: Da misslang es der Deutschen Finanzagentur, dem Schuldenmanager der Bundesregierung, Bundesanleihen für sechs Milliarden Euro loszuwerden. Die Banken, Versicherungen und Fonds nahmen nur Papiere für 3,9 Milliarden Euro ab.

          Erfolgloses Halbjahr

          Begann an jenem Mittwoch ein neues Kapitel im Euro-Drama? Nicht zum ersten Mal zeigten Investoren dem Bund die kalte Schulter. Tatsächlich endeten acht frühere Auktionen in diesem Jahr mit dem gleichen Ergebnis.

          Bild: F.A.Z.

          Dabei ist der Negativtrend beunruhigend: Sieben der neun missglückten Auktionen fanden in diesem Halbjahr stand. Und eine Unterdeckung in diesem Ausmaß - Anleihen für 2,1 Milliarden blieben übrig - wie am vergangenen Mittwoch hat es davor im Jahr noch nicht gegeben.

          „Anlage ohne Risiko gibt es nimmer“

          Politik und Finanzagentur beschwichtigen: Die Finanzierung des Staates ist nicht gefährdet. Alles Routine. Doch sie müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass die zuletzt erzielbare Rendite um die historisch niedrigen zwei Prozent für potentielle Käufer nicht mehr attraktiv genug ist. Der programmierte Verlust scheint nicht mehr akzeptabel.

          Was steckt dahinter? Büßt Deutschland seinen Nimbus als sicherer Hafen für verschreckte Staatsanleihen-Investoren ein? Tatsächlich reift an den Märkten eine neue Einsicht: "Anlage ohne Risiko gibt es nimmer." So bringt es der Kreditanalyst Jochen Felsenheimer auf den Punkt.

          Knackpunkt Eurobonds

          Selbst Musterknabe Deutschland kommt nicht mehr ohne Risikoaufschlag aus. Eine zentrale Rolle spielt die aufflammende Debatte über die Eurobonds. Die Versuche des nimmermüden portugiesischen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, eine europäische Gemeinschaftsanleihe aufzulegen, findet Unterstützung und gewinnt offenbar aus Perspektive von Marktteilnehmern an Wahrscheinlichkeit.

          "Dann aber verschlechterte sich das Risikoprofil für Deutschland signifikant", sagt Jochen Felsenheimer, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Assenagon. Die Folge einer solchen Anleihe wäre gravierend. Deutschland und die anderen zahlungswilligen Länder müssten für Zahlungsausfälle der klammen Länder bürgen. Nach der gleichen Logik verändert auch der Rettungsschirm das deutsche Risikoprofil.

          Dieses Risiko wird deshalb zunehmend brisant, weil es nicht mehr um kleine Schlucker wie Griechenland geht, sondern um Wirtschaftsgrößen wie Belgien, Italien und sogar Frankreich. Italien muss inzwischen für neue Kredite bis zu acht Prozent Zinsen zahlen. Ein solches Zinsniveau kann eine kränkelnde Volkswirtschaft auf Dauer nicht aushalten.

          Zahlungssorgen steigen

          Wer also muss getragen werden, und wer kann noch tragen? Das wird zur Schlüsselfrage im Euroraum. Deutschland nähert sich der Überforderungsschwelle.

          Denn trotz all der Anstrengungen, die die europäischen Politiker bisher unternommen haben, verbessert sich die Lage nicht entscheidend, analysiert Eugen Keller, der Anlagespezialist des Bankhauses Metzler. So steigt der Schuldenstand der angeschlagenen Länder trotz der eingeleiteten Sparprogramme, und es droht dort zumindest eine Flaute. So wird es immer schwerer für den auserkorenen Retter, gesund zu bleiben.

          Die Märkte sehen das: Ein (umstrittener) Indikator für das Risiko, dass Deutschland seinen Zahlungsverpflichtungen in Zukunft nicht mehr nachkommen kann, ist der Kurs für die Kreditausfall-Versicherungspapiere, die sogenannten Credit Default Swaps. Mit diesen Versicherungen schützen sich die Käufer von Staatsanleihen vor dem Zahlungsausfall. Um Bundesanleihen für eine Million Euro mit fünfjähriger Laufzeit zu versichern, müssen die Käufer inzwischen 11.700 Euro aufwenden, zu Beginn des Jahres war die Versicherungsprämie nur halb so hoch. Den CDS-Märkten zufolge beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland während der Laufzeit zahlungsunfähig wird, sage und schreibe neun Prozent.

          Sparsignale fehlen

          Erschwert wird die Lage auf dem Anleihemarkt durch die Banken, die immer häufiger als Käufer ausfallen und sogar ihr Engagement reduzieren. Die amerikanische Regulierungsbehörde forderte Institute wie die Citibank dazu auf, Europa zurückzulassen. Auch englische Banken wappnen sich inzwischen für das Szenario, dass Euroland auseinanderbricht.

          Die Chance, mit einem mutigen Sparprogramm für 2012 die Gemüter der Investoren zu beruhigen, hat die Bundesregierung unterdessen vertan. Trotz Wachstum und sprudelnder Steuern wird sie nächstes Jahr die Neuverschuldung vergrößern. Das Schuldenniveau bleibt bei 81 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

          Damit setzt Deutschland seine Tradition als Brecher der Maastricht-Grenzen fort. Das strukturelle Haushaltsdefizit beziffert die Bundesbank auf 25 Milliarden Euro. Und es drohen in Zukunft neue Lasten: Hilfe für klamme Nachbarn, zusätzliche Sozialkosten und schon bald neue Aufwendungen für die alternde Gesellschaft. Ist es ein Wunder, dass erste Anleihekäufer streiken?

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