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Britische Notenbank : Erfolglose Anleihenkäufe

  • -Aktualisiert am
Auf Shoppingtour an den Rentenmärkten: Bank von England.
          3 Min.

          Die britische Wirtschaft schlingert vor sich hin. Noch immer liegt das Bruttoinlandsprodukt um 4 Prozent unter dem Höhepunkt vor der Krise. Die vergangenen drei Quartale glitt das Land wieder in eine Rezession ab. Zwischen April und Juni schrumpfte die Wirtschaft nochmals um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, wie stark die Konjunkturschwäche in Kontinentaleuropa, dem wichtigsten Handelspartner Großbritanniens, zu der flauen Konjunktur in Großbritannien beiträgt und wie sehr die Binnennachfrage durch die scharfen Einsparungen der fiskalpolitischen Haushaltssanierung leidet.

          Der britische Unternehmerverband Institute of Directors (IoD) warnt, dass 44 Prozent seiner befragten Vorstände und Unternehmer Investitionen und die Einstellung von Personal aufgeschoben hätten, weil die Lage zu unsicher sei und Aufträge ausblieben. Mehr als die Hälfte dieser Manager sage, die Entscheidungen seien bis in das nächste Jahr hinein vertagt worden. Großbritannien befindet sich - wie viele andere Volkswirtschaften derzeit auch - in einem Teufelskreis. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung lässt Unternehmer Investitionsentscheidungen zurückstellen. Das Aufschieben von Investitionen indessen trägt zu der Unsicherheit in der Wirtschaft bei. Außerdem sind die Exportaufträge im Sommer deutlich eingebrochen. Die Rezession hat dazu geführt, dass die Steuereinnahmen des Staates deutlich gefallen, gleichzeitig aber die Sozialausgaben merklich über das Vorjahresniveau hinaus gestiegen sind.

          Großbritannien muss weiter sparen, um Toprating zu behalten

          Dem Schatzamt fällt es daher schwer, das Haushaltsdefizit einzudämmen, die Neuverschuldung zu drosseln und die Pläne der Haushaltssanierung einzuhalten. Immer weiter verengt sich der Spielraum von Schatzkanzler George Osborne. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er weitere Sparmaßnahmen wird verkünden müssen, soll die Haushaltssanierung nicht aus dem Ruder laufen. Allein diese Aussicht verunsichert wiederum Verbraucher und Unternehmen. Osborne bleibt indessen keine andere Wahl, will Großbritannien nicht riskieren, seine Bonitätsbestnote (“AAA-Rating“) zu verlieren.

          Kein Wunder daher, dass die Finanzmärkte erwarten, dass die Bank of England im November ihr abermals gestartetes Programm der „Quantitativen Lockerung“ um weitere 50 Milliarden Pfund auf dann 425 Milliarden Pfund ausweiten und den Geldmarktzins auf dann nur noch 0,25 Prozent senken wird. Ob das hilft, ist umstritten. In Großbritannien gibt es mittlerweile eine offene Debatte darüber, wie wirkungsvoll das Programm der Anleihekäufe durch die Notenbank wirklich ist. Die Bank of England hält mittlerweile 36 Prozent des Nominalwertes aller emittierten britischen Staatsanleihen. Mit ihrem Eingriff am Anleihemarkt hat sie die Anleiherenditen gedrosselt, im Prinzip also indirekt die Kreditkonditionen für Unternehmen verbessert. Diese aber halten sich mit der Kreditaufnahme zurück angesichts der allgemeinen Investitionsunsicherheit. Auch die Verbraucher drosseln ihre Privatverschuldung, weil die Lage am Arbeitsmarkt zu riskant ist.

          Ersparnisse und Betriebsrenten leiden

          Schaden werden die Anleihekäufe der Notenbank hingegen all jenen Haushalten, die Ersparnisse haben, die mittlerweile - zumal real - kaum noch verzinst werden. Gravierend sind die negativen Auswirkungen für all jene, die kapitalfinanzierte Rentensparpläne haben, vor allem für Unternehmen mit Betriebsrenten. Da die künftigen Rentenverpflichtungen mit Hilfe des als risikolos wahrgenommenen Anleihezinses abgezinst werden, haben die extrem niedrigen Anleiherenditen zu einem deutlich höheren Gegenwartswert der künftigen Pensionsverpflichtungen geführt. Die Defizite britischer Betriebsrenten sind daher seit 2009 um 40 Milliarden Pfund gestiegen, während sich der Wert der zum Großteil auch mit Aktien ausgestatteten Portfolios der Pensionsfonds nicht entsprechend entwickelt hat. Der Anstieg der britischen Aktienkurse hat mit der durch die Anleihekäufe der Notenbank verursachten Hausse am britischen Anleihemarkt nicht Schritt halten können. Schlimmer noch: der neutralisierende Vermögenseffekt auf die Haushalte durch gestiegene Anleihe- und Immobilienpreise kommt nur den vermögenden Haushalten zugute.

          Die Bank of England selbst hat daher ihre Wachstumsprognose auf 0,1 Prozent in diesem Jahr reduziert und auf 1,7 Prozent im Jahr 2013 und 1,9 Prozent im Jahr 2014. Der britische Aktienmarkt ist derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9,6 mit Blick auf die Gewinnerwartungen der kommenden 12 Monate bewertet. Der Leitindex FTSE 100 klapperte zuletzt den kontinentaleuropäischen Aktienmärkten hinterher, weil hier der „Draghi-Effekt“ weitgehend ausblieb und sich in den Kursen der Minenaktien das Debakel in Südafrika niederschlägt. Im FTSE 100 ist derzeit ein Gewinnwachstum je Aktie von 5,7 Prozent einberechnet, heißt es bei Morgan Stanley. Die Analysten der Bank haben etwa die Titel Reckitt Benckiser, Rolls-Royce, BSkyb, Diageo und Smith & Nephew übergewichtet.

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