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Börsen ziehen sich zurück : „Der Markt für Mittelstandsanleihen ist tot“

„Nur ein kleiner Bruchteil unseres Anleihegeschäfts“

Diese Einschätzung teilt Britta Holt, die den Bereich Unternehmensanleihen der Ratingagentur Scope leitet. „Gegen den Trend zu sinkenden Risikoaufschlägen im europäischen Markt für Hochzinsanleihen steigen hier die Risikoaufschläge im Zeitablauf“, sagt Holt. „Das zeigt das hohe Risiko.“ Die Ausfallraten in den vergangenen Jahren seien weit höher als in den anderen europäischen Märkten. „Der Markt hier in Deutschland ist mit einem Emissionsvolumen von durchschnittlich 50 Millionen Euro ein ganz anderer als in Europa mit durchschnittlich mehr als 400 Millionen Euro“, sagt Holt.

Die Börse Stuttgart verabschiedet sich jedoch nicht aus dem Anleihebereich. „Die Mittelstandsanleihen sind nur ein kleiner Bruchteil unseres Anleihegeschäfts“, sagt Lammersdorf. Im bisherigen Jahresverlauf hat die Börse Stuttgart im Anleihehandel mehr als 21 Milliarden Euro umgesetzt und damit gut ein Viertel des gesamten Handelsvolumens. „Unsere Mission, alle für Privatanleger geeigneten Wertpapiere auch für sie handelbar zu machen, wird hier besonders deutlich“, sagt Lammersdorf. 70 Prozent des Börsenhandels mit Unternehmensanleihen in Deutschland läuft nach Angaben der Börse Stuttgart über deren Plattform. Neben klassischen Unternehmensanleihen versucht sie auch immer wieder besondere Themen wie Griechenland-Anleihen oder Anleihen in Fremdwährungen wie norwegischen Kronen für deutsche Privatanleger gut zugänglich zu machen.

Wo es Hochfrequenzhandel gibt, geht der Privatanleger unter

Damit sind die Anleihen zu dem bedeutendsten Geschäftsfeld nach den Zertifikaten geworden. „Als ich vor sechs Jahren hier anfing, machten diese noch 85 Prozent aus, heute sind es weniger als 50 Prozent“, sagt Lammersdorf. Es war von Beginn an sein Ziel, die Börse unabhängiger von dem seit Jahren tendenziell schrumpfenden Zertifikatemarkt zu machen. Insbesondere im Bereich der Anlagezertifikate gab es auch im laufenden Jahr abermals deutlich rückläufige Handelsumsätze. Der meist hochspekulative Bereich der Hebelpapiere hat indes eine rege Fangemeinde. Ähnlich starke Zuwächse gibt es bei Indexfonds, die mittlerweile 10 Prozent des Geschäfts der Börse Stuttgart ausmachen. „Auch hier haben wir jenseits des von institutionellen Anlegern dominierten Xetra-Systems einen Marktanteil von 70 Prozent in Deutschland“, sagt Lammersdorf. Auch hier versucht die Börse Stuttgart getreu ihrer Privatanlegerstrategie dem Privatanleger Handelsmöglichkeiten zu bieten, wie sie zuvor nur institutionelle Großanleger hatten. Ein Konzept, dass nach Lammersdorfs Ansicht aufgeht: „Wenn es um die Belange von Privatanlegern geht, sind wir bei den Regulatoren in Brüssel und Berlin mittlerweile gefragte Ansprechpartner.“ Den Hochfrequenzhandel lehnt Lammersdorf in Stuttgart grundsätzlich ab: „Wo es Hochfrequenzhandel gibt, geht der Privatanleger zwangsläufig unter und ist immer hintendran.“

Einen weiteren Schub für die Börse Stuttgart verspricht sich Lammersdorf durch die Einführung eines eigenen Handelssystems im nächsten Herbst, das die Börse Stuttgart von dem Börsenbetreiber Nasdaq OMX kauft. „Wir werden schneller sein als bisher und die Konkurrenz auch überraschen können“, sagt Lammersdorf. Bislang nutzte die Börse Stuttgart im Verbund mit den Börsen aus Frankfurt, München, Hamburg, Hannover, Berlin und Düsseldorf das System Xontro. Die Stuttgarter Innovationen der vergangenen Jahre waren dadurch vorher immer schon allen Konkurrenten bekannt. Neben BondM hat die Börse Stuttgart zum Beispiel immer wieder neue Ordertypen eingeführt.

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