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Börsen : Die Märkte warten auf die EZB

Bild: F.A.Z.

Nachdem Ben Bernanke die Erwartungen erfüllt hat, blickt man auf Mario Draghi. Der Markt für Unternehmensanleihen boomt derweil. Der Bericht von den Finanzmärkten.

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          Früher hieß es an den Märkten: Politische Börsen haben kurze Beine. Seit Ausbruch der Finanzkrise vor rund fünf Jahren stehen die Märkte jedoch permanent im Banne der Politik. Manche Maßnahmen mögen die Märkte nur vorübergehend beeinflussen; andere Entscheidungen könnten aber geeignet sein, die langfristigen Rahmenbedingungen der Politik zu ändern und damit auch langfristig die Märkte zu beeinflussen. Die Auguren in den Stuben der Bankvolkswirte, der Finanzanalysten und in den Handelssälen haben es nicht leicht.

          Im Fokus des Interesses steht zum einen die Geldpolitik. Der Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, hat am vergangenen Freitag die Erwartungen der Märkte bestätigt, indem er eine weitere Lockerung der amerikanischen Geldpolitik zwar nicht zusicherte, aber doch in Aussicht stellte. Nun blicken die Marktteilnehmer nach Frankfurt, wo am Donnerstag der Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank (EZB) tagt. Hier erhofft sich der Markt Aufschlüsse über das Anleihenkaufprogramm für Spanien und Italien. Die EZB hat allerdings schon durchsickern lassen, dass sie sich mit einer formalen Verabschiedung Zeit lassen könnte bis nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum europäischen Rettungsfonds ESM am 12. September. Dies wird dann ein weiteres wichtiges Datum für die Märkte werden.

          Emissionsvolumen bei Unternehmensanleihen auf Höchststand

          Gleichzeitig nimmt die Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung unter anderem in China und über die weitere Entwicklung der Rohstoffpreise vor allem für Öl und Nahrungsmittel zu. Hinzu tritt die alte Erfahrung, dass der September historisch oft kein erfreulicher Börsenmonat gewesen ist.

          In einem solchen Umfeld ist es für jeden Marktteilnehmer schwierig zu agieren, und so sie sind die Umsätze an den Aktienmärkten zuletzt sehr niedrig gewesen. Aber nicht in jedem Marktsegment geht es ruhig zu: Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg hat das Emissionsvolumen bei Unternehmensanleihen im August 2012 mit 237,6 Milliarden Dollar einen historischen Höchststand erreicht, während die durchschnittliche Emissionsrendite mit 3,72 Prozent einen Tiefststand verzeichnete. Viele Unternehmen nutzen das außergewöhnliche Umfeld, um günstig Mittel aufzunehmen und daneben ihre Abhängigkeit von Bankkrediten zu verringern. Käufer gibt es in ausreichendem Maße, denn auch wenn die Renditen für Unternehmensanleihen historisch niedrig sind, so liegen sie doch immer noch über den Renditen für Staatsanleihen mit guter Bonität. Und viele institutionelle Anleger sind nun einmal gezwungen, Zinspapiere zu kaufen. Wie aus Banken zu hören ist, dürfte der Markt für Unternehmensanleihen so schnell nicht seinen Schwung verlieren.

          Die Aufnahmebereitschaft der Marktteilnehmer für neue europäische Staatspapiere wird in den kommenden Tagen mit einer Vielzahl von Emissionen getestet. Am Montag beginnt der Reigen mit Emissionen von Geldmarktpapieren aus Deutschland und Frankreich, die unproblematisch verlaufen dürften. Der Wochenauftakt dürfte zudem ruhig verlaufen, weil die amerikanischen Märkte wegen des Tags der Arbeit geschlossen bleiben. Ab Dienstag treten dann Spanien und Italien zunächst mit Geldmarktpapieren an den Markt, deren Emissionsrendite aufmerksam beobachtet werden dürfte. Bis einschließlich Donnerstag will Italien auch mehrere mehrjährige Anleihen begeben, darunter eine inflationsgeschützte und einen Floater.

          Italien ist seit Jahren dafür bekannt, unterschiedliche Anleiheformen im Programm zu haben. So hat kein anderer kontinentaleuropäischer Staat ähnlich viele inflationsgeschützte Anleihen begeben. Nach einer Schätzung der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley werden die Eurostaaten bis zum Jahresende noch Papiere im Volumen von rund 245 Milliarden Euro begeben müssen. Am Freitag dürften die Marktteilnehmer dann vor allem nach Amerika schauen, wo der Arbeitsmarktbericht für den August veröffentlicht wird.

          Angesichts wichtiger bevorstehender Entscheidungen über die Anleihekäufe der EZB, über den Rettungsfonds ESM und irgendwann wohl einmal auch über den Verbleib Griechenlands in der Währungsunion sagen Banken einerseits kurzfristig volatile Zeiten voraus. Sie bemühen sich aber auch, längerfristige Szenarien zu entwerfen. So geht die Commerzbank in ihrem Wochenkommentar davon aus, dass sich das Risiko eines Zerfalls der Währungsunion reduziert, aber dafür längerfristig die Inflationsraten steigen. Eine solche „italienische Währungsunion“, wie sie die Commerzbank nennt, würde Risikoanlagen wie Aktien unterstützen, aber auf den Kursen von Unternehmensanleihen und dem Euro lasten. Ähnlich sieht dies auch die Helaba: Sollte die EZB Anleihekäufe beschließen und das Verfassungsgericht den Weg für den ESM freigeben, dürften sichere Anlagen, die Helaba nennt Bundesanleihen, spürbar unter Kursdruck geraten.

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