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Gespräch mit BIZ-Chefökonom : Wo bleibt die Inflation, Herr Shin?

  • -Aktualisiert am

Hyung Song Shin im Baseler Hauptsitz der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). In der 1930 gegründeten BIZ sind alle großen Zentralbanken Mitglied. Bild: Fabian Fiechter

Hyun Song Shin stammt aus Südkorea, lehrte in Princeton und ist seit 2014 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Im Gespräch erklärt er, wieso die Preise trotz Geldschwemme nicht steigen und die Lage dennoch gefährlich ist.

          6 Min.

          Herr Shin, alle haben mit Inflation gerechnet für dieses Jahr, aber die Preise steigen kaum. Was ist passiert?

          Ökonomen schaffen es immer noch nicht, die ganze Geschichte mit der Inflation zu verstehen. Die einfachen Geschichten, die die Leute erzählen, passen nicht mehr. Diese einfachen Geschichten sind innerstaatlich und kurzfristig: Wenn die Wirtschaft in einer Depression steckt, gibt es wenig Inflation. Wenn die Wirtschaft überhitzt, gibt es hohe Inflation. Wir erkennen gerade, dass dies nicht die ganze Geschichte sein kann. Sonst sollten wir jetzt eine höhere Inflation sehen.

          Die Inflation liegt nur bei 0,2 Prozent in Europa und bei 0,5 Prozent in Amerika, obwohl die Zentralbanken sie mit aller Macht auf zwei Prozent treiben wollen. Was läuft da schief?

          Inflation ist nicht nur ein inländisches und kurzfristiges Phänomen - die Art von Phänomen, die Zentralbanken beeinflussen können. Inflation hängt auch von globalen und langfristigen Faktoren ab. Die wichtigste Geschichte ist global. Schließlich fällt die Inflation fast überall auf der Welt.

          Wieso?

          Kurzfristig liegt das am gefallenen Preis von Öl und anderen Rohstoffen. Der niedrige Ölpreis drückt den Benzinpreis und damit die Inflation. Aber es gibt auch wichtige langfristige Geschichten.

          Zum Beispiel?

          Globalisierung und Demographie. Als die Schwellenländer begonnen haben, für die Weltmärkte zu produzieren, hatten wir auf einmal viel mehr Angebot, einen sogenannten Angebotsschock, der die Preise gedrückt und niedrig gehalten hat. Das ist eine globale und langfristige Geschichte. Dann gibt es noch die inländischen langfristigen Faktoren. Sogar in Ländern, die nicht sehr offen sind für den Weltmarkt, haben wir die Inflation fallen sehen. Ein möglicher Grund ist Demographie - obwohl einige Ökonomen anderer Meinung sind. Wenn man eine alte Bevölkerung hat, gibt es ein größeres Bedürfnis zu sparen. Das führt zu weniger Konsum, also geringerer Nachfrage, was wiederum zu gedämpfter Inflation führt. Das kann man beispielsweise in Japan sehen.

          Wie passen die Notenbanken in diese Geschichte?

          Wenn man eine kurzfristige Sicht auf die Welt hat und glaubt, dass ein kurzfristiger Nachfragemangel der wesentliche Grund für niedrige Inflation ist, ist das der Punkt, an dem Zentralbanken eine Rolle spielen. Man sagt: Die Inflation ist nicht nahe zwei Prozent, also müssen wir expansive Geldpolitik nutzen, um diese fehlende Nachfrage zu ersetzen. Das ist, wie gesagt, zu einfach. Es gibt viele Faktoren, die die Inflation verändern, nicht alle von ihnen können von Zentralbanken beeinflusst werden.

          Ist das ein Problem?

          Wenn Sie versuchen, ein Inflationsziel zu erreichen unabhängig von der Lage der Volkswirtschaft, dann kann das andere Verwerfungen im Finanzsystem hervorrufen, die am Ende mehr Schaden anrichten.

          Brauchen wir vielleicht gar keine steigenden Preise, keine Inflation?

          Die Menschen neigen dazu, Inflation mit Situationen wie der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre in Zusammenhang zu bringen. Sie glauben, wenn man in die Deflation gerät, wenn also die Preise sinken, dann wird das eine Kettenreaktion auslösen, die am Ende sehr schlimme Auswirkungen hat: eine deflationäre Spirale, in der die Preise immer weiter sinken. Das Problem ist, dass es dafür wenig empirische Belege gibt, abgesehen von der Weltwirtschaftskrise. Wenn man sich die jüngsten Fälle von Deflation ansieht, dann gibt es diese Spirale nicht. Und auch die Geschichte beweist nicht, dass niedrige Inflation immer mit niedriger Produktion zusammenhängt und ein Zeichen einer bedrückten Wirtschaft ist.

          Also liegen alle falsch? All die Ökonomen und Zentralbanker, die Angst vor einer Situation wie der Weltwirtschaftskrise hatten nach der Finanzkrise?

          Die Weltwirtschaftskrise war ein sehr singuläres Ereignis. Man kann sie nicht generalisieren. Die Schweiz zum Beispiel hatte in den vergangenen Jahren eine leichte Deflation, und der Schweizer Wirtschaft geht es nicht schlecht. Die Idee, dass, wenn die Inflation auf null sinkt, die Wirtschaft zum sofortigen Stillstand kommt, ist einfach nicht wahr.

          Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, versucht schon das ganze Jahr, das Inflationsziel von „unter, aber nahe zwei Prozent“ zu erreichen. Liegt er falsch?

          Ich kann nicht das Verhalten einzelner Zentralbanker kommentieren, und ich sollte sagen, dass ich nichts gegen Inflationsziele für Zentralbanken habe. Sie haben Großes geleistet, indem sie die Geldpolitik systematischer gemacht haben. Aber das Problem beginnt, wenn Inflation das einzige Ziel ist und man Dinge tut, um Inflation zurückzubringen, die Nebenwirkungen haben.

          Was sind die Gefahren?

          Wer sie verstehen will, muss global denken. Zentralbanken beeinflussen Wechselkurse und Schulden, sowohl daheim als auch in anderen Ländern. Wenn beispielsweise die amerikanische Geldpolitik expansiv ist, dann wertet der Dollar ab. Für andere Länder ist der Dollar in der Folge billiger, und sie leihen sich mehr in Dollar. Die Schulden, die Nichtamerikaner in Dollar haben, steigen. Das Gleiche passiert in Europa: Wenn der Euro abwertet, so wie er es in diesem Jahr getan hat, dann leihen Ausländer sich mehr Geld in Euro.

          Ausländer, die Kredit in Dollar oder Euro aufnehmen? Das klingt nicht wie eine Gefahr.

          Es kann aber eine Gefahr sein, wenn das länger so geht. Schwellenländer haben sehr viel Kredit in Dollar aufgenommen. 9,8 Billionen Dollar ist die Summe, die NichtbBanken außerhalb der Vereinigten Staaten sich in Dollar geliehen haben. Davon sind 3,3 Billionen Dollar an Schwellenländer gegangen. Das ist passiert, weil der Dollar viele Jahre lang abgewertet hat. Nun wertet der Dollar wieder auf. Und das sorgt für Probleme. Viele der Projekte, die einst mit Dollarkrediten finanziert wurden, werden nun eingestellt oder rückabgewickelt.

          Ist das einer der Gründe, wieso die chinesische Wirtschaft im Moment Probleme hat?

          Nicht nur China. Die Investitionen von Unternehmen waren sehr wichtig für Schwellenländer, insbesondere für Öl- und Gasfirmen. Wenn das zurückgeht, weil Dollarkredite teurer werden, dann verlangsamt sich auch das Wachstum.

          Was bedeutet das für uns?

          Das langsamere Wachstum in den Schwellenländern hemmt das Wachstum der Weltwirtschaft. Zum Beispiel in diesem Jahr. Einer der Gründe, wieso die amerikanische Politik so besorgt war über die globalen Entwicklungen, war das langsame Wachstum der Schwellenländer - und das kommt nicht aus heiterem Himmel. Es ist das Ergebnis von Geldpolitik.

          Zentralbanken haben Chinas Probleme ausgelöst?

          Das ist zu einfach. Es gibt mehrere Gründe. Aber Geldpolitik ist einer davon.

          Was beunruhigt Sie am meisten? Dass die Zentralbanken große Mengen an Staatsanleihen kaufen, das sogenannte „Quantitative Easing“ (QE)?

          Es ist nicht nur QE. Es geht auch darum, was vor der Krise im Jahr 2008 passierte. Notenbanker haben sich allein darauf konzentriert, Produktion und Inflation stabil zu halten. Sie haben nicht darüber nachgedacht, dass sich immer mehr Kredit aufbaute und der Hebel immer größer wurde. Als sich diese Bewegung umkehrte, hat sie zurückgeschlagen und die Stabilität der eigenen Wirtschaft untergraben. Das muss sich ändern. Wer denkt „Was außerhalb meiner Grenzen passiert, betrifft mich nicht“, der ist kurzsichtig. Wir leben in einem globalen Dorf. Sein eigenes Haus in Ordnung zu halten ist untrennbar verbunden damit, das Haus der Nachbarn in Ordnung zu halten.

          Amerikas Notenbank Fed hat in der vergangenen Woche eine kleine Revolution gewagt und die Zinsen nach einer sieben Jahre währenden Niedrigzinsphase erhöht. Was wird jetzt passieren?

          Wir erleben gerade eine Neuordnung der globalen Kräfte. Stellen Sie sich einen Tisch voller Kompasse vor. All ihre Nadeln zeigen in die gleiche Richtung. Aber jetzt bewegen Sie den Pol und alle Nadeln bewegen sich gleichzeitig in eine andere Richtung. Das genau passiert im Moment. Die Nadeln sind die Preise an den Finanzmärkten, die Wachstumsraten und Schuldenstände. Die Geldpolitik ist der Pol - und sie bewegt all diese Nadeln zur gleichen Zeit. Das hat enorme Auswirkungen.

          Müssen wir Angst vor 2016 haben?

          Wir werden, wie gesagt, eine bedeutende Neuordnung erleben. Das wird Dominoeffekte auf die reale Wirtschaft haben. Einige davon sehen wir schon jetzt in Form von niedrigeren Rohstoffpreisen. Sie sorgen in vielen Ländern für einen Nachfrageschub wie eine Steuersenkung. Aber für rohstoffproduzierende Länder ist die Wirkung sehr negativ. Die sinkenden Rohstoffpreise werden auch die Inflation niedrig halten. Ob wir noch größere Umwälzungen erleben werden, hängt sehr stark von der Finanzregulierung und Bankenaufsicht ab. Wenn sie streng genug war, dann sollte das mildernd wirken.

          Deutsche Anleger sind beunruhigt darüber, dass die Zinsen so niedrig sind. Sie machen die EZB und Mario Draghi dafür verantwortlich. Ist das richtig?

          Niedrige Zinsen sind ein geplantes Ergebnis von Geldpolitik. Sie können sehen, dass die langfristigen Zinsen in Europa runtergehen, auch in Deutschland. Es ist kein Zufall, dass dies Mitte 2014 begonnen hat, als man begann, darüber zu sprechen, dass die Zentralbank Staatsanleihen in großem Stil kaufen würde.

          Sind niedrige Zinsen ein Grund zur Sorge - auch um unsere Wirtschaft?

          Niedrige Zinsen können verzerrend wirken. Es steigt die Gefahr, dass sie noch weiter fallen. Man kann da in einen Kreislauf geraten. Wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt.

          Wie soll das gehen?

          Das ist wie in dem Gedicht von Stevie Smith „Not waving, but drowning“. Die Idee des Gedichts ist: Es gibt einen ertrinkenden Mann, der im Wasser winkt. Die Leute denken: Oh, er winkt uns zu. Aber in Wirklichkeit ertrinkt er. Das Gleiche kann mit niedrigen Zinsen passieren. In Volkswirtschafts-Lehrbüchern werden sie für gewöhnlich als gute Sache beschrieben, sie stimulieren die Wirtschaft, sind ein Zeichen von Überschwang. Aber es ist auch möglich, dass niedrige Zinsen ein Zeichen von Not sind und von geringen Erträgen. Wenn die Zinsen lange niedrig bleiben, dann nagt das an den Gewinnen von Versicherungen und an der Solvenz von Pensionsfonds. Sie werden auf der Suche nach Rendite umschwenken auf langfristigere Anlagen, was die Zinsen noch weiter senkt. In Europa sind die Zinsen 2014 und Anfang 2015 sehr schnell gefallen.

          Dann winkt Europa nicht, sondern ertrinkt?

          Wenn Sie die Zinsen meinen: Ja, was das angeht, ist Europa näher am Ertrinken denn am Winken. Wenn Sie die reale Wirtschaft meinen: Nein, der europäischen Wirtschaft geht es besser.

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