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Bewertung von Hypothekenanleihen : Amerika verklagt Standard & Poor’s

  • -Aktualisiert am

Kurz vor Beginn der Finanzkrise empfahl S&P hochspekulative Hypotheken Bild: AFP

Das amerikanische Justizministerium wirft der größten Ratingagentur Betrug bei der Bewertung komplexer Hypothekenanleihen vor. Mehrere Bundesstaaten dürften sich der Klage anschließen.

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          Die amerikanische Bundesregierung geht erstmals rechtlich gegen eine Kreditbewertungsagentur vor. Das Justizministerium wirft der größten Ratingagentur Standard & Poor’s in einer am Montagabend in Los Angeles eingereichten zivilrechtlichen Klage Betrug bei der Bewertung komplexer Hypothekenanleihen vor. Diese Wertpapiere hatten im Zentrum der Finanzkrise gestanden. Wie in einer Teilausgabe bereits berichtet, wird damit gerechnet, dass sich auch mehrere Bundesstaaten der Klage anschließen werden.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der Aktienkurs des Verlags McGraw-Hill, der Muttergesellschaft von Standard & Poor’s, sackte am Montag um 14 Prozent ab, nachdem Meldungen über einen bevorstehenden Rechtsstreit die Runde machten. Am Dienstag fiel der Kurs um weitere 5 Prozent. Der Aktienkurs des großen Konkurrenten Moody’s fiel am Montag um 11 Prozent, obwohl der Konzern in der Klage nicht erwähnt wurde. Am Dienstag ermäßigten sich die Titel im frühen Handel um weitere 2 Prozent. Börsianer rechnen offenbar mit einer breitangelegten Offensive der Regierung gegen die Ratingbranche. Amerikanischen Behörden wird von Kritikern vorgeworfen, die Verantwortlichen der Finanzkrise bislang nicht ausreichend zur Rechenschaft gezogen zu haben.

          Erfolglose Verhandlungen über Ausgleich

          Standard & Poor’s wies die Anschuldigungen in einer Stellungnahme als „sachlich und juristisch unbegründet“ zurück. Nach Medienberichten hatte die Ratingagentur mit dem Justizministerium vier Monate lang erfolglos über einen außergerichtlichen Vergleich verhandelt. Die Regierung forderte eine Geldstrafe von mehr als einer Milliarde Dollar und ein Schuldeingeständnis. Standard & Poor’s wollte diese Konditionen nicht akzeptieren, da es sich um die höchste Strafe gehandelt hätte, die je gegen ein Unternehmen wegen der Finanzkrise verhängt worden wäre. Die Strafe hätte den gesamten Jahresgewinn von McGraw-Hill ausgelöscht. Standard & Poor’s soll aber bereit gewesen sein, 100 Millionen Dollar zu zahlen. Ein Schuldeingeständnis hätte Standard & Poor’s bei laufenden und erwarteten Klagen von Investoren anfälliger gemacht.

          Ratingagenturen hatten die zum Teil mit zweitklassigen Hypotheken besicherten komplexen Anleihekonstrukte, Collateralized Debt Obligations (CDO), vor der Finanzkrise häufig mit Spitzennoten versehen. Dazu werden die Agenturen von den Emittenten der Papiere für die Bewertung bezahlt. Da die Emittenten Interesse an einer möglichst guten Bewertung haben, unterstellen Kritiker der Branche einen Interessenkonflikt. Als die spekulative Blase im amerikanischen Häusermarkt platzte und immer mehr überschuldete Hausbesitzer ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen konnten, verloren die Papiere deutlich an Wert. Die Ratingagenturen stuften sie schließlich herab und Investoren, die sich auf die Bewertung durch die Agenturen verlassen hatten, verloren Milliarden von Dollar. Ein Untersuchungsausschuss des Kongresses war vor zwei Jahren zum Schluss gekommen, dass die großen Ratingagenturen eine „Schlüsselrolle“ bei der Finanzkrise gespielt hatten.

          Eigene Vorschriften nicht eingehalten

          Das Justizministerium wirft Standard & Poor’s nun vor, aus geschäftlichem Interesse das „wahre Ausmaß der Kreditrisiken heruntergespielt und missachtet“ zu haben. Die Agentur habe Umsatz und Marktanteile steigern wollen und deswegen auf gute Beziehungen mit den Emittenten Wert gelegt. Die Darstellung, die Bewertungen seien „objektiv, unabhängig, nicht von Interessenkonflikten beeinflusst, die das analytische Urteilsvermögen beeinträchtigen, und verkörperten die wahre aktuelle Meinung zu den Kreditrisiken“, bezeichnete das Justizministerium in der Klageschrift als „falsch“. Konkret geht es um rund 40 CDO-Transaktionen, die auf dem Höhepunkt des Aufschwungs im Immobilienmarkt aufgelegt wurden. Standard & Poor’s kassierte für deren Bewertung rund 13 Millionen Dollar.

          Die Ratingagentur verteidigt sich unter anderem damit, dass ihre Konkurrenten bei den fraglichen Konstrukten die gleichen Noten verteilt haben. „Das Justizministerium verklagt Standard & Poor’s, weil sie das ganze Ausmaß des Abschwungs am Häusermarkt nicht vorhergesehen hat, obwohl das praktisch Niemandem gelungen ist“, hieß es in der Stellungnahme der Agentur. Zudem habe man Lehren aus der Krise gezogen und rund 400 Millionen Dollar investiert, um die Systeme und Methoden für die Bewertung von Anleihen zu stärken. Standard & Poor’s hatte zahlreiche Klagen von Investoren bislang erfolgreich mit der Begründung abgewehrt, dass Kreditbewertungen durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt seien. Das Justizministerium geht davon aus, dass dieser Schutz nicht gilt, weil die Agentur bei dem mutmaßlichen Betrug ihre eigenen Vorschriften nicht eingehalten hat.

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