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Bericht vom internationalen Finanzmarkt : Anleger hängen an den Lippen von Trichet

Bild: F.A.Z.

Es vergeht derzeit kaum eine Woche, in der nicht eine Zentralbank auf der Welt die Leitzinsen anhebt. Am Donnerstag schaut die Finanzwelt nach Helsinki: Dort wird EZB-Präsident Jean-Claude Trichet andeuten, wie sich der Leitzins im Euroraum entwickelt.

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          Am Donnerstag schaut die Finanzwelt in die finnische Hauptstadt Helsinki. Dort trifft sich der geldpolitische Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) zu einer von zwei turnusmäßigen monatlichen Sitzungen im Jahr, die nicht in Frankfurt stattfinden. Nachdem die EZB im April zum ersten Mal seit fast drei Jahren den Leitzins für den Euroraum angehoben hat, legen die jüngsten Inflationsdaten eine weitere Straffung nahe. Getrieben von hohen Nahrungsmittel- und Benzinpreisen, sind nach einer Schätzung des europäischen Statistikamtes Eurostat die Verbraucherpreise im April mit einer Jahresrate von 2,8 Prozent geklettert. Die EZB aber hat sich ein mittelfristiges Inflationsziel von weniger als 2 Prozent gesetzt. Daher wäre es keine Überraschung, wenn EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag eine weitere Zinserhöhung für Juni in Aussicht stellen würde.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im April hatte Trichet in der Pressekonferenz formuliert, der geldpolitische Rat „beobachtet sehr genau“, ob die Inflation etwa wegen Lohnerhöhungen dauerhaft hoch zu bleiben drohe. Die Anleger hatten aus diesen Worten geschlossen, dass die EZB im Mai zunächst mit weiteren Zinserhöhungen abwarten wolle. Falls Trichet die Formel „wir beobachten sehr genau“ an diesem Donnerstag nun wiederholen sollte, dürfte eine Zinserhöhung auch im kommenden Monat noch nicht anstehen. Falls der Franzose aber seine Wortwahl ändert und insbesondere das Signalwort „wachsam“ in den Mund nimmt, wüssten die Anleger Bescheid: Dann steht mit hoher Wahrscheinlichkeit der nächste Zinsschritt schon im Juni an.

          Russland profitiert, Dollar ist schwach

          Es vergeht derzeit kaum eine Woche, in der nicht eine Zentralbank auf der Welt die Leitzinsen anhebt. Am Freitag war die russische Notenbank nicht mehr gewillt, eine Jahresinflationsrate von zuletzt 9,6 Prozent tatenlos hinzunehmen. Um ihr für dieses Jahr ausgegebenes Inflationsziel von 7 Prozent nicht aus den Augen zu verlieren, erhöhte die Notenbank in Moskau ihren Leitzins von 8 auf 8,25 Prozent. Der Wert des Rubel in Dollar stieg daraufhin auf den höchsten Stand seit Dezember 2008.

          159 Liter Nordseeöl Brent sind derzeit 126 Dollar wert. Im Mai 2010 mussten nur 70 bis 90 Dollar für einen Barrel Brent gezahlt werden. Das rohstoffreiche Russland profitiert davon. Ein Grund für die Rubel-Stärke ist, dass viele gutverdienende russische Unternehmen etwa aus dem Energiesektor zuletzt Dollar in Rubel tauschten, weil sie Ende April ihre Steuern zahlen mussten. Doch der kontinuierlich aufwertende Rubel ist nicht nur auf diesen Sondereffekt zurückzuführen. Vielmehr ist der Dollar schwach. Zu allen Weltwährungen hat die amerikanische Währung in diesem Jahr verloren. Gemessen am Dollar-Index, der den Wert der amerikanischen Währung zu einem nach den Handelsströmen gewichteten Korb an Währungen misst, hat der Dollar allein im April 4 Prozent verloren. Der Dollar-Index steht so tief wie seit drei Jahren nicht mehr. In diesem Jahr hat der Dollar mit Kursverlusten von 7 Prozent am stärksten zum neuseeländischen und australischen Dollar verloren. Beide gelten als Währungen, die stark von steigenden Rohstoffpreisen profitieren.

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