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Finanzdienstleistungen : Bausparkassen sehen sich von der EZB gegängelt

Bastelbogen zum Haus bauen um 1950 Bild: INTERFOTO

Die Geldpolitik zwingt die Bausparkassen zu unpopulären Schritten. Schwäbisch-Hall-Chef Klein will mit neuen Tarifen das Bausparen attraktiver machen. Wie sehen die aus?

          Die deutschen Bausparkassen leiden unter den extrem niedrigen, zum Teil schon negativen Zinsen. Für Altverträge müssen sie hohe Einlagenzinsen zahlen, während die Kunden die Kredite aus den gesetzlich geförderten Bausparverträgen nicht abrufen, weil die Banken inzwischen deutlich günstiger finanzieren. Das belastet die Ertragslage. Deshalb versuchen alle Bausparkassen, die Einlagen aus Altverträgen loszuwerden. Die Bausparkassen haben schon rund 200.000 Altverträge gekündigt und dafür herbe Kritik von Verbraucherschützern und betroffenen Kunden einstecken müssen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für den Vorstandsvorsitzenden der größten deutschen Bausparkasse Schwäbisch Hall, Reinhard Klein, ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) der Grund für die Probleme und für die in der Öffentlichkeit kritisch gesehenen Kündigungen hochverzinster Altverträge. „Die Bausparkassen haben mit künstlichen, niedrigen Preisen zu kämpfen, die ihnen die EZB verordnet hat“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er vergleicht die Lage mit Automobilherstellern, denen bei gleichbleibenden Produktionskosten vorgeschrieben wird, ihre Fahrzeuge um einen zweistelligen Prozentsatz billiger zu verkaufen. Klein ist überzeugt: „Ohne die EZB-Eingriffe würde der zehnjährige Zins deutlich höher liegen.“ Bei einem Zins von 1,5 Prozent wären keine unpopulären Maßnahmen nötig. Doch davon ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe weit entfernt, sie pendelt um die Nulllinie und ist in der vergangenen Woche schon in den negativen Bereich gerutscht.

          Mit dem Bausparvertrag die Option auf einen Kredit erwerben

          Zu den unpopulären Maßnahmen zählt Klein auch das Sparprogramm, mit dem die zu den Volks- und Raiffeisenbanken gehörende Bausparkasse in der Niedrigzinsphase profitabel – „allerdings auf einem reduzierten Niveau“ – bleiben will. Er will die Lasten möglichst gleich verteilen. Die 7000 Mitarbeiter sind mit einem Sparprogramm konfrontiert. Die Personal- und Sachkosten sollen um 15 Prozent sinken, die Stellen um ebenfalls 15 Prozent. Die genossenschaftliche Bausparkasse geht sozialverträglich vor, betriebsbedingte Kündigungen gibt es keine. Gleichzeitig steckt auch der Eigentümer zurück: „Unser Aktionär, die DZBank, hat auf einen erheblichen Teil der Dividende verzichtet.“ Im Vertrieb sinken die Provisionen und Gehälter.

          Bleiben die Altsünden der Bausparkassen, die hochverzinslichen Sparverträge, mit denen Kunden in früheren Zeiten gelockt wurden. Auch die Bausparkasse Schwäbisch Hall muss zu diesem wenig populären Mittel greifen. „Auf Kundenseite haben wir hochverzinste alte Verträge gekündigt, allerdings nicht einmal 0,5 Prozent aller Verträge“, berichtet Klein. Seinen Angaben zufolge sind die Verträge mehr als 16 Jahre alt, die meisten 25 Jahre und älter. Dabei sei es zum Teil um übersparte Bausparverträge gegangen, was rechtlich unumstritten sei. Dagegen gibt es rechtliche Auseinandersetzungen um Verträge, die mehr als zehn Jahre zuteilungsreif sind und bei denen das Bauspardarlehen nicht in Anspruch genommen wird.

          „Aus Sicht der Bausparbranche gibt uns der Kunde in dem Fall einen Kredit, bei dem uns wie allen Kreditnehmern nach zehn Jahren ein gesetzliches Kündigungsrecht zusteht“, sagt Klein. Das kritisieren Verbraucherschützer, weil der Kunde mit dem Bausparvertrag die Option auf einen Kredit erwirbt, wofür er auch eine Abschlussgebühr zahlt. Klein erwartet voraussichtlich im kommenden Jahr ein richtungsweisendes Urteil des Bundesgerichtshofes dazu. Bislang sind nach den Worten von Klein die Verfahren von Schwäbisch Hall, wie bei den Bausparkassen insgesamt, zu gut 90 Prozent „zu unseren Gunsten ausgegangen“.

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