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Niedrigzinsen : Bausparkassen bangen um ihre Existenz

Die Zentrale der Bausparkasse Schwäbisch Hall Bild: dpa

Auch wenn der Bundesgerichtshof die Kündigung hochverzinster Altverträge zugelassen hat – die Niedrigzinsen lassen das Geschäftsmodell der Bausparkassen in eine gefährliche Schieflage abrutschen.

          Auf diese Öffentlichkeit hätten die 20 deutschen Bausparkassen gerne verzichtet. Das am Dienstag vom Bundesgerichtshof (BGH) gefällte Urteil verschafft der Branche aber mehr Spielraum. Trotzdem ist die Krise damit nicht vorbei, auch wenn die Bausparkassen, davon acht öffentlich-rechtliche Landesbausparkassen, nun Rechtssicherheit haben, die Altlasten an zu hoch verzinsten Verträgen aus der Bilanz zu schaffen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass es überhaupt dazu gekommen ist, daran sind die Bausparkassen selbst schuld. Denn in den Jahren vor der Finanzkrise haben sie die Sparer mit hohen Zinsen gelockt und sogar Prämien in Aussicht gestellt, wenn keine Darlehen abgerufen werden.

          Altlasten auf der Zinsseite

          Auf die Niedrigzinsphase waren sie so aber nicht vorbereitet. Vielmehr rächen sich die in der Phase des Übermuts gemachten Fehler umso mehr, weil die Kunden nun kein Interesse haben, ihre Bauspardarlehen abzurufen.

          Die Verträge sind in Jahren abgeschlossen worden, in denen die Zinsen höher gelegen hatten. Deshalb sind nun die angesparten Guthaben attraktiv, weil diese noch mit 3 bis 4 Prozent verzinst werden. Das ist derzeit mit anderen sicheren Anlagen nicht möglich.

          Umgekehrt sind die Bauspardarlehen gegenwärtig unattraktiv, weil sie noch mit einem hohen Zins ausgestattet sind. Die Bausparer bekommen seit Jahren auch von Banken deutlich günstigere Kredite. Dadurch rufen sie weniger Bauspardarlehen ab. Denn die starren Zinsversprechen aus früheren Jahren sind die Ursache für die gegenwärtige Existenzkrise der Bausparkassen.

          Zinsüberschuss erodiert

          Gegenüber dem Jahr 2000 ist das Volumen an Bauspardarlehen um fast zwei Drittel auf 16 Milliarden Euro gesunken, während sich die Bauspareinlagen im gleichen Zeitraum um zwei Drittel auf 159 Milliarden Euro erhöht haben. Der Überhang an Spareinlagen wächst, doch die Anlage an den Kapitalmärkten fällt schwer.

          Sichere Anleihen wie die des deutschen Staates werfen zu einem großen Teil nur noch negative Renditen ab. Darüber hinaus verlangen Banken von Großkunden für Einlagen ebenfalls negative Zinsen, also Strafzinsen. Denn diese müssen sie der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlen, die auf die von den Banken geparkten Mittel einen Einlagenzins von minus 0,4 Prozent erhebt.

          Die Konsequenz aus dieser Entwicklung ist bei den Bausparkassen die bedrohliche Erosion des Zinsüberschusses. Dieser ist zwischen den Jahren 2011 und 2015 für alle 20 Bausparkassen um 16 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro gesunken. Nach Zahlen der Deutschen Bundesbank befanden sich die operativen Erträge der Bausparkassen im Jahr 2015 mit 2,2 Milliarden Euro auf einem historischen Tiefstand.

          Die Geldpolitik der EZB mit Null- und Negativzinsen frisst sich also immer stärker in die Bilanzen der Bausparkassen hinein. Das Geschäftsmodell von Instituten, die jahrzehntelang aufgrund ihrer Sicherheit als Langweiler galten und mit aggressiven Sparangeboten gegen das Image ankämpfen wollten, wird also bedroht.

          Einer ähnlichen Gefahr sind die Lebensversicherer ausgesetzt, deren Garantieversprechen sich im derzeitigen Zinsumfeld nicht mehr verdienen lassen. Auch Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken, die im risikoarmen Einlagen- und Kreditgeschäft tätig sind, geraten dadurch immer mehr in Bedrängnis und werden von den Bankenaufsehern zu Kosteneinsparungen und Filialschließungen ermuntert.

          Neue Sparmodelle

          Auch die Bausparkassen versuchen zu sparen. So hat der Marktführer Schwäbisch Hall, die Bausparkasse der Volks- und Raiffeisenbanken, den Abbau von Personal- und Sachkosten um 15 Prozent angekündigt. Das bedeutet, dass von den 7000 Mitarbeitern 15 Prozent ihre Stelle verlieren.

          Darüber hinaus versuchen die Bausparkassen mit neuen Tarifmodellen gegenzusteuern. So bieten Schwäbisch Hall und Wüstenrot seit Sommer variabel verzinsliche Produkte an. Der Guthaben- und Darlehenszins liegt in einer Bandbreite und wird an das aktuelle Zinsniveau angepasst.

          Schließlich ermöglicht das neue Bausparkassengesetz ein zusätzliches Ertragspotential. Die Institute dürfen Einlagen nun auch stärker für Kredite verwenden, die nicht an Bausparverträge gebunden sind. Zudem dürfen die Bausparkassen auch mehr Gelder in Aktien anlegen.

          Der Verband der Privaten Bausparkassen, dem die Marktführer Schwäbisch Hall, Wüstenrot und BHW angehören, versucht zu beruhigen und verweist auf die letzten drei Stresstests der Finanzaufsicht Bafin, die Ende 2012, Ende 2014 und Mitte 2015 durchgeführt wurden. Demnach könnten die Bausparkassen unterschiedliche Zinssituationen bewältigen. Dabei sei auch ein Niedrigzinsniveau für 20 Jahre durchgerechnet worden, erklärte ein Sprecher des Verbandes. Nach den Bafin-Prüfungen wären die Bausparkassen auch für einen plötzlich starken Zinsanstieg gewappnet.

          Allerdings unterstellen diese Prognosen, dass die Bausparkassen gegensteuern und die zu hohe Verzinsung der Spareinlagen beenden. Dazu haben sie nun mit dem BGH-Urteil Rechtssicherheit. Sie dürfen die Altverträge kündigen. Bislang haben sie schon 260.000 Verträge gekündigt, die seit mehr als zehn Jahren zuteilungsreif waren, aber bei denen die Sparer kein Darlehen abgerufen haben.

          Zu diesen Kündigungen hat die Finanzaufsicht Bafin die Bausparkassen stets aufgefordert. Bafin-Präsident Felix Hufeld hält dies für zulässig, weil es darum geht, eine systemische Gefahr für die Bausparkassen abzuwehren.

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