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Bankökonom Joachim Fels : „Unabhängige Notenbanken sind eine historische Episode“

Joachim Fels Bild: Wolfgang Eilmes

Es existiert kein Anreiz für einen Staat, seine Verschuldung unter Kontrolle zu bringen: Der Bankökonom Joachim Fels über die Rolle der Geldpolitik in der Schuldenkrise und die Notwendigkeit von Inflation.

          Joachim Fels sieht die Weltkonjunktur in einem Teufelskreis. Die Abschwächung der Konjunktur in Verbindung mit einer Staatsschuldenkrise und einer Bankenkrise führe zu einer Art sich selbst verstärkender Abwärtsspirale. „Höhere Inflationsraten sind ein Bestandteil der Lösung für die Staatsschuldenkrise“, sagt der Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley in einem Pressegespräch in Frankfurt. „Zudem müssen die kurzfristigen Zinsen und die langfristigen Renditen auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Dazu wird man eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte brauchen. Auf diese Weise haben die Vereinigten Staaten in den fünfziger Jahren ihre Staatsschulden reduziert.“

          Fels vertritt eine Position, die in der britischen und amerikanischen Finanzwelt weit verbreitet ist und dort auch von akademischen Ökonomen geteilt wird, aber in fundamentalem Widerspruch zu den Auffassungen deutscher Ordnungsökonomen steht. Denn in London und in New York wird die Unabhängigkeit der Geldpolitik in Frage gestellt und die Finanzierung von Staatsschulden durch die Notenbank als ein legitimes Mittel betrachtet. Beide Positionen sind für deutsche Ordnungsökonomen nicht akzeptabel.

          Staatsanleihen müssten sicher sein

          „Unabhängige Notenbanken sind eine historische Episode“, befindet Fels. „In den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und in Japan sind die Renditen der Staatsanleihen niedrig, weil die Regierungen Zugriff auf die Geldpolitik besitzen. Die Anleger wissen, dass in einer schweren Krise die Notenbanken die Zahlung von Zinsen und die Tilgung von Staatsanleihen sicherstellen würden.“

          Ganz anders sieht es in der Europäischen Währungsunion aus: „Ein Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion besteht im fehlenden Zugriff der Regierungen auf die Geldpolitik. Der zweite Konstruktionsfehler besteht im Fehlen einer Fiskalunion. Wenn diese Fehler nicht korrigiert werden, kann die Währungsunion nicht überleben.“ Hinzu kam ein nach Ansicht von Fels schwerer Fehler. „In Europa war die Entscheidung, private Gläubiger in die Umschuldung Griechenlands einzubeziehen, ein Vertrauensbruch. Seitdem erleben wir Kettenreaktionen wie den Verkauf von italienischen und spanischen Staatsanleihen.“

          Dieser These liegt die in der Finanzwelt beliebte Ansicht zugrunde, Staatsanleihen müssten sicher sein und dürften somit kein Ausfallrisiko („Kreditrisiko“) tragen. Denn damit können oder wollen sich Investoren nicht befassen. „Anleger fürchten das Kreditrisiko mehr als das Inflationsrisiko. Das Kreditrisiko kann die Stabilität des Finanzsystems gefährden. Auf Inflation kann man sich leichter einstellen“, erläutert der Ökonom.

          Nicht auf die disziplinierende Kraft der Märkte bauen

          Daraus entsteht das Bild einer symbiotischen Beziehung zwischen der Politik und der Finanzwirtschaft. Die Politik zwingt Finanzhäuser wie Banken, Versicherungen und Fonds, Staatsanleihen zu niedrigen Renditen in ihre Bücher zu nehmen. Damit verbunden ist die Unmöglichkeit einer Umschuldung, weil die mit Staatspapieren vollgesogenen Finanzhäuser in diesem Falle zu kollabieren drohten. Die Notenbank sorgt derweil durch Inflation für eine allmähliche Entwertung der Staatsschulden und kauft im Zweifel alle Staatsanleihen auf, für die sich kein anderer Käufer findet. Fels räumt ein, dass in dieser Welt kein Anreiz für einen Staat existiert, seine Verschuldung unter Kontrolle zu bringen. Dafür müsse in einer Demokratie der Wähler sorgen.

          Dass die umsorgten Finanzhäuser unsolide Finanzpolitik bestrafen, ist unwahrscheinlich. „Man darf beim Umgang mit der Staatsschuldenkrise nicht auf die disziplinierende Kraft der Märkte bauen“, sagt Fels und widerspricht damit unter anderem dem früheren Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing. „Die Erfahrung lehrt, dass die Marktteilnehmer in der Einschätzung von Kreditrisiken nicht gut sind. Es gibt viele Beispiele, wo diese Risiken entweder überschätzt oder unterschätzt wurden.“

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