https://www.faz.net/-gv6-8i1db

Unternehmensanleihen : Banken fürchten Verzerrungen durch EZB-Käufe

Die EZB-Zentrale in Frankfurt Bild: Claus Setzer

Unternehmensanleihen werden knapp, seitdem die Notenbank nun auch diese Titel erwirbt. Zudem begünstigt das Kaufprogramm große Unternehmen. Doch EZB-Präsident Draghi sieht keine Alternativen.

          4 Min.

          Dem Markt für Unternehmensanleihen drohen durch die Käufe der Europäischen Zentralbank (EZB) Preisverzerrungen und ein eingeschränkter Handel. Denn die Liquidität sei schon seit geraumer Zeit sehr überschaubar, sagte Matthias Minor, der bei der Royal Bank of Scotland das Geschäft mit deutschen Unternehmensanleihen verantwortet, am Donnerstag. Seiner Ansicht nach wird sich die EZB auf Neuemissionen konzentrieren. Deshalb gehe sie bislang am Sekundärmarkt, wo schon emittierte Anleihen gehandelt werden, noch vorsichtig vor. Die EZB halte sich dort zurück, weil sie nicht zu viel Liquidität entziehen will“, sagt Minor.

          Die Kaufanfragen beschränken sich bislang auf Losgrößen zwischen 3 und 5 Millionen Euro. Insgesamt erwarten Banken im Monat EZB-Käufe zwischen 3 und 10 Milliarden Euro. Nachdem die Banken ihre Handelsbestände bei Unternehmensanleihen wegen der strengeren Kapitalvorgaben deutlich abgebaut haben, ist der Markt ausgedünnt. Institutionelle Investoren können kaum noch von einer Anleihe mehr als 10 Millionen Euro erwerben. Treten nun die EZB zusammen mit den Notenbanken aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und Finnland als zusätzliche Nachfrager auf, schränkt das den Handel weiter deutlich ein.

          „Die Märkte haben den Effekt der EZB-Käufe zum Teil schon eingepreist“, sagt Ingo Nolden, der bei HSBC Trinkaus für Unternehmensanleihen verantwortlich ist. Die Risikoaufschläge sind deutlich zurückgegangen, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi am 10. März den Kauf von Unternehmensanleihen angekündigt hatte. Danach hatten die Unternehmen auch deutlich mehr Anleihen begeben (siehe Grafik). Ähnlich wie bereits durch den Kauf von Staatsanleihen durch die EZB könne die Ausweitung der Käufe auch bei Unternehmensanleihen zu Preisverzerrungen und einer künstlichen Marktknappheit führen, kritisiert Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken.

          Die privaten Banken, darunter Deutsche Bank und Commerzbank, erwarten Auswirkungen auf den Wettbewerb bei der Unternehmensfinanzierung. Denn unmittelbar begünstigt würden große Unternehmen mit direktem Kapitalmarktzugang. Diese verfügten jedoch ohnehin schon über sehr günstige Finanzierungskonditionen. Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken befürchtet einen Wettbewerbsnachteil für mittelständische Unternehmen, die sich über Banken, aber nicht über die Kapitalmärkte finanzieren.

          EZB nimmt die Kritik am Anleihekaufprogramm durchaus wahr

          Die Unternehmen haben laut Nolden üblicherweise eine langfristig ausgelegte Finanzierungsstrategie. Deshalb werden sie seiner Ansicht nach die Entwicklung in Ruhe beobachten. „Sie befürchten, wie auch institutionelle Investoren, einen weiteren Rückgang der Liquidität am Markt für Unternehmensanleihen.“ So könnten die traditionellen Käufer von Unternehmensanleihen wie Versicherer oder Pensionskassen dauerhaft abgeschreckt werden, wenn sie nicht mehr ausreichend Titel erwerben können. Pfandbriefe, die Banken mit Hypotheken- oder Staatskrediten unterlegen, kauft die EZB schon seit längerem. Dort kritisieren viele Banken deren Nachfragemonopol. Während die EZB bei Staatsanleihen nicht am Primärmarkt, also keine neuen Emissionen direkt kauft, kennt sie bei Pfandbriefen und Unternehmensanleihen keine Scheu. Dort kann sie die neuen Emissionen direkt erwerben, weil sie sich hier nicht dem Vorwurf der monetären Staatsfinanzierung aussetzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klug gewählte Metapher: Auf jeder deutschen Notbremse steht „Missbrauch strafbar“.

          Corona-Notbremse : Es brennt

          Unheilspropheten sehen in der geplanten bundesweiten Notbremse einen Anschlag auf die Demokratie. Dabei ist sie kein Putschgesetz, sondern ein pragmatisches Instrument. Jeder Tag zählt.
          Im rheinland-pfälzischen Wissen wird Fichtenholz zum Transport nach China in Überseecontainer verladen.

          Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

          Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.