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Anleihemärkte : Ausverkauf der Staatsanleihen

„Sehr interessante Woche an den globalen Bondmärkten“: Blick in die Frankfurter Börse. Bild: Reuters

Die Rendite der deutschen und amerikanischen Staatsanleihen ist so hoch wie lange nicht. Das liegt nicht nur an der Erwartung steigender Inflation.

          Die langfristigen Zinsen an den Kapitalmärkten in aller Welt haben in der zurückliegenden Woche zugelegt. Die Commerzbank spricht von einem Ausverkauf von Staatsanleihen, deren Kurse sanken, während im Gegenzug die Renditen auf den höchsten Stand seit längerem stiegen. Die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen deutschen Bundesanleihen überschritt am Freitag zeitweise die Grenze von 0,2 Prozent und erreichte in der Spitze 0,217 Prozent, bevor sie wieder etwas zurückging. Anfang Juni hatte die Rendite noch minus 0,205 Prozent betragen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den Vereinigten Staaten stieg die Rendite für zehnjährige Anleihen auf den höchsten Stand seit Anfang Juni. Am Freitagnachmittag betrug sie 1,865 Prozent, ein Plus von 1,1 Prozent gegenüber dem Vortag. „Es war eine sehr interessante Woche an den globalen Bondmärkten“, sagte David Schnautz, Anleihenfachmann der Commerzbank. Am Freitagmorgen habe es noch mal einen Abverkauf gegeben, womöglich „erst mal der letzte große Kursrutsch“, meinte Schnautz. Danach sanken die Renditen wieder etwas.

          Als ein Grund für den Ausverkauf an den Märkten wurde die Erwartung steigender Inflationsraten genannt - sowie die Unsicherheit, was die Notenbanken tun werden. „Das Inflationsgespenst greift um sich“, schreibt das Bankhaus Metzler in seinem täglichen Marktbericht und verweist beispielsweise auf Deutschland. Hierzulande sind die Verbraucherpreise nach vorläufigen Zahlen im Oktober um 0,8 Prozent gestiegen, nach 0,7 Prozent im Vormonat. Eine solch hohe Inflationsrate hatte es zuletzt exakt vor zwei Jahren im Oktober 2014 gegeben.

          „Rollentausch“ von Aktien und Anleihen

          In Amerika waren auch gesunkene Chancen von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen als ein Grund genannt worden, warum das Interesse an Staatsanleihen als „sichere Häfen“ nicht mehr so groß sei. „Insgesamt halten wir den Ausverkauf am Anleihemarkt nicht für den Beginn eines langfristigen Abwärtstrends“, urteilt die Commerzbank.

          Unterdessen schreibt die Deutsche Bank in einem Forschungspapier, es habe eine bemerkenswerte Verschiebung in der Rolle von Aktien und Anleihen gegeben. Analyst Rineesh Bansal spricht von einem „Rollentausch“: Aktien seien mittlerweile in vielem das, was früher Anleihen gewesen seien, und Anleihen ähnelten immer mehr den klassischen Vorstellungen von einer Aktie. Wie kommt er auf diese erstaunliche These? Dazu hat Bansal die Gesamterträge eines Portfolios von Aktien aus dem amerikanischen Index S&P 500 und amerikanischen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit verglichen. Und zwar jeweils, was in den vergangenen zehn Jahren herausgekommen ist - und was in der vorletzten Dekade, also in den zehn Jahren davor.

          Rendite aus Kursgewinnen gestiegen

          Für die Anleihen war die Rendite nach Abzug der Inflation in beiden Zeiträumen nicht besonders unterschiedlich, sie lag bei ungefähr 3,7 Prozent. Allerdings war sehr verschieden, wie sich der Anteil der Gesamtrendite auf die Kupons, also die Zinszahlungen aus der Anleihe, und den Kursanstieg verteilte. Technisch war man so vorgegangen, dass man jeweils mit dem Emissionstag neuer Anleihen alte verkaufte, so dass es Kursgewinne oder Verluste gab. Während nun in der früheren Dekade die Kursgewinne weniger als ein Fünftel der Gesamterträge ausmachten, änderte sich das in den letzten zehn Jahren. Knapp die Hälfte der Gesamtrendite stammte jetzt aus Kursgewinnen, die Bedeutung der Kupons schrumpfte.

          Genau umgekehrt war es bei den Aktien, wie die Deutsche Bank schreibt. Hier hatten früher die Kursgewinne fast alles dominiert. Inzwischen hat die Bedeutung der Dividenden am Gesamtkuchen stark zugenommen. In den letzten zehn Jahren machten die Dividenden der Untersuchung zufolge ungefähr ein Drittel des Gesamtertrags aus, während ihr Anteil früher deutlich kleiner war.

          Umgekehrt war der Anteil der Kursgewinne an der Gesamtrendite seit 1980 kontinuierlich gestiegen, hatte zur Zeit der Dot-Com-Blase mit 90 Prozent seinen Höhepunkt erreicht und befindet sich seither im Rückgang. „Aktien werden mehr wie Anleihen und Anleihen mehr wie Aktien“, behauptet Bansal. Hintergrund sind unter anderem die gesunkenen Zinsen, die zu Kursgewinnen bei Anleihen führten, die so heute allerdings bei neuen Papieren nicht zu realisieren wären.

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