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Ausfallraten : Höher als während der Weltwirtschaftskrise

Lehman Brothers: Der Jahrhundert-Ausfall Bild: ddp

Die Ausfallraten von Unternehmensanleihen sind deutlich gestiegen. Doch das ist erst der Anfang. Folgt man der Rating-Agentur Moody's, so könnte es mehr Ausfälle geben als in der Weltwirtschaftskrise.

          Dass die Finanzkrise zu steigenden Ausfällen auf dem Anleihenmarkt führt, ist nicht mehr zu übersehen. Die Frage, die sich daher zu stellen beginnt ist, wie stark diese zunehmen werden und wo es enden wird.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Glaubt man einem jüngst erschienenen Bericht der Rating-Agentur Moody's, so sind die Aussichten nicht gut, vor allem nicht, was den Bereich der Hochzinsanleihen angeht. Vier große Spitzen haben die Ausfallraten historisch aufzuweisen, und zwar 1933, 1970, 1990 und 2001 mit Werten von 15,4 bzw. um 10 Prozent.

          Sechs größte Zahlungsausfälle im Jahr 2008

          Laut Prognose könnte der Wert im November des laufenden Jahres drastisch auf 16,4 Prozent steigen und würde damit die bisherigen Gipfel übertreffen und das Niveau der Weltwirtschaftskrise erreichen.

          Noch sind die Ausfallraten davon weit entfernt. Moody's beziffert sie für das vergangene Jahr auf 4,1 Prozent, was immer noch unter dem Durchschnitt der vergangenen 25 Jahre von 4,4 Prozent liegt. Auf Basis der von Standard & Poor's bewerteten Anleihen liegt sie mit 3,5 Prozent sogar noch niedriger.

          Bezogen auf das gesamte Anleihenuniversum sind indes bereits Rekorde erreicht. Die Zahl der ausgefallenen Emittenten war mit 101 zwar nur die höchste seit 2002. Doch das Volumen von 281,2 Milliarden Dollar ist das höchste seit 1920. Was Wunder: die zehn größten Zahlungsausfälle der vergangenen 88 Jahre fanden in diesem Jahrzehnt statt, sechs davon 2008.

          Lehman und Island

          Diese Statistik gibt zu denken, auch wenn sie aufgrund der Inflation etwas verzerrt ist. Deutlich zeigt sich die Finanzkrise: Fünf der Zahlungsausfälle kommen aus der Finanzbranche.

          Europa spielt bei der Zahl der Ausfälle nur eine Nebenrolle. Knapp 17 Prozent ereigneten sich diesseits des Atlantiks. Auch Standard & Poor's stellt fest, dass die Ausfallraten in Europa niedriger liegen. Der Volumenanteil liegt etwas höher. Dabei machen sich die Ausfälle der drei isländischen Banken bemerkbar, auf die 95,5 Prozent des europäischen Volumens entfällt. Doch über allem thront die Lehman-Brothers-Pleite, die allein 42 Prozent des Ausfallvolumens ausmacht.

          Historische Einmaligkeiten verunsichern Analysten

          Es sind mehrere Alarmzeichen, die die Analysten von Moody's ausmachen: So sind die Renditeaufschläge spekulativer Anleihen gegenüber Staatsanleihen, die als guter Indikator für die Entwicklung der Zahlungsausfälle gelten, stark gestiegen. Diese sind im vierten Quartal auf 20 Prozentpunkte gestiegen, ein historisch einmaliges Niveau. Folgt man den historischen Erfahrungen, so könnten die Ausfallraten auf 20 Prozent steigen.

          Dafür spräche auch das schlechte Mix der Ratings. Noch nie sind in den vergangenen 25 Jahren so viele spekulative Emittenten, nämlich fast jeder vierte, mit der schlechtesten Note C bewertet worden. Zudem gilt bei 60 Prozent eine weitere Abstufung wahrscheinlich.

          Indes sorgt das bei Moody's auch für Unsicherheit: Diese historisch hohen Raten entsprechen nicht den Parametern der Prognosemodelle, was dessen Aussagekraft beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass auch die Entwicklung der makroökonomischen Daten von großer Unsicherheit geprägt ist.

          Europas Hochzinsanleihen stärker betroffen

          Tatsache aber ist: Zahlreiche Emittenten haben das rekordniedrige Zinsniveau und die lockeren Kreditbedingungen der Jahre 2004 bis 2007 für eine günstige Refinanzierung genutzt. Und so muss in den Jahren 2009 bis 2011 in den Vereinigten Staaten jeder zweite Emittent spekulativer Anleihen refinanzieren.

          Für Europa geht Moody's von einer Ausfallrate von fast 20 Prozent im spekulativen Bereich aus, weil das Rating-Mix hier noch schlechter sei als in Amerika. Auch Standard & Poor's konstatierten jüngst, dass die gestiegenen Ausfallraten im Vorjahr eine Reflektion der verschlechterten Qualität der Emissionen der Jahre 2004 bis 2007 seien und verweisen auf die hohen Ausfallraten des Jahres 2002, die auf der Schwäche des Emissionsjahres 1999 beruhte.

          Insgesamt trifft es Amerika stärker

          Zieht man die Tatsache hinzu, dass die hohe Zahl an Emissionen schlechter Kreditqualität zwischen 2004 und 2007 im Vergleich zu den vergangenen 15 Jahren insgesamt ungewöhnlich lang anhielt, so kämen länger anhaltende hohe Ausfallraten nicht überraschend. Dafür spricht auch das grobe Missverhältnis zwischen Ausfallraten und Kreditqualität.

          Insgesamt also ziehen sich die Wolken weiter zu über dem Kredit- und Anleihenmarkt. Anleger sollten sich daher gut überlegen, ob sie sich von hohen Renditen verführen lassen. Auf den Gesamtmarkt bezogen wird Europa indes besser davon kommen, spielt doch zum einen der Markt für Unternehmensanleihen eine geringere Rolle als in Amerika und zum anderen innerhalb dieses das Segment der spekulativen Anleihen.

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