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Argentinien : Regierung plant neues Angebot an Altgläubiger

  • -Aktualisiert am

Argentiniens Wirtschaftsminister Amado Boudou Bild: dpa

Argentiniens Regierung braucht dringend frisches Geld. Wirtschaftsminister Boudou will deshalb die Umschuldung von alten Anleihen neu aufrollen. Ein Gesetz von 2005 verbietet allerdings die Neuauflage des Schuldentauschs.

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          Weil sie dringend frische Kredite braucht, will Argentiniens Regierung die 2005 durchgeführte Umschuldung von alten, seit 2002 nicht mehr bedienten Anleihen neu aufrollen. Laut Ankündigung von Wirtschaftsminister Amado Boudou will die Regierung dazu das Parlament um Genehmigung bitten. Denn ein Gesetz von 2005 verbietet die Neuauflage des Schuldentauschs. Das neue Tauschangebot soll den Gläubigern allerdings noch höhere Verluste abverlangen als 2005, sagte Boudou.

          Bei der damaligen Rekordumschuldung von mehr als 100 Milliarden Dollar notleidender Zins- und Anleiheschulden hatte Argentinien den Gläubigern 2005 einen Verzicht auf 65 Prozent des Kapitals sowie auf alle Zinsrückstände abverlangt und die Fälligkeiten teils bis zum Jahre 2038 gestreckt. Zu damaligen Marktwerten entsprach das einem Verlust von rund 70 Prozent der Forderungen. Die Besitzer von 24 Prozent der Schuldtitel hatten damals das Angebot abgelehnt. Diese sogenannten Holdouts sowie andere Gläubiger, die in den vergangenen Jahren die nicht getauschten Papiere auf dem Sekundärmarkt zu Tiefstpreisen aufgekauft haben, verfügen über Anleihen im Nominalwert von rund 20 Milliarden Dollar sowie Zinsforderungen über weitere 9 Milliarden. Etliche Gläubiger haben ihre Ansprüche vor ausländischen Gerichten erfolgreich eingeklagt. Doch fällt es ihnen schwer, die erstrittenen Rechtstitel zu vollstrecken. Zahlreiche Versuche, Auslandsguthaben argentinischer Einrichtungen, Flugzeuge oder gar eine Ausstellung patagonischer Dinosaurier in Bayern zu pfänden, schlugen fehl.

          Einzelheiten der neuen Umschuldungsofferte sollen in den nächsten Wochen bekannt werden. Trotz der nochmals verschlechterten Konditionen rechnet Boudou mit einer Akzeptanz in Höhe von mindestens 60 Prozent des geschuldeten Kapitals. Allein die drei Großbanken Barclays, Citibank und Deutsche Bank, die Argentinien mit der Vorbereitung der Transaktion beauftragt hat, sollen Anleihen im Nominalwert von etwa 10 Milliarden Dollar, also rund der Hälfte der noch offenen Schulden, vertreten. Laut Boudou sollen die Gläubiger neben dem hohen Forderungsverzicht für jeden getauschten Dollar zehn Cent frischen Kapitals an Argentinien ausleihen. Für Kleinanleger soll es möglicherweise etwas günstigere Bedingungen geben.

          Bild: F.A.Z.

          Ausgerechnet jetzt steigen die Kurse

          Auch der unabhängige Finanzexperte Miguel Bein rechnet mit einer „sehr guten hohen Akzeptanz“ des neuen Angebots. Die Gelegenheit für eine Rückkehr an den Kapitalmarkt sei ideal, sagte der frühere Schulden-Unterhändler Daniel Marx. Die derzeit historisch niedrigen Zinsen auf den internationalen Finanzmärkten würden Argentinien eine sehr günstige Gelegenheit eröffnen, den Altgläubigern ein attraktives Tauschangebot zu unterbreiten, meint Ramiro Castiñeira von der Beratungsfirma Econométrica.

          Argentinische Staatsanleihen gehörten schon in den letzten Monaten zu den großen Gewinnern an den Rentenmärkten. Die bei der Umschuldung 2005 emittierte Euro-Anleihe, die 2038 fällig wird, hat ihren Besitzern im bisherigen Jahresverlauf einen Gesamtertrag von fast 80 Prozent gebracht. Einige der seit 2002 notleidenden Schrottanleihen, die vor einem halben Jahr noch zu weniger als 5 Prozent des Nennwertes verramscht wurden, werden heute wieder zu 38 Prozent vom Nominalwert gehandelt, wenn auch nur mit dünnen Umsätzen.

          Paradox erscheint auf den ersten Blick, dass die Kurse ausgerechnet jetzt steigen, da Argentiniens Staatsfinanzen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in die roten Zahlen rutschen. Doch genau dies ist wohl der Grund für den Trendwechsel. Argentiniens Regierung braucht frisches Geld und möchte so bald wie möglich an den internationalen Kapitalmarkt zurückkehren. Staatspräsidentin Cristina Kirchner und ihr hinter den Kulissen mitregierender Gatte, Amtsvorgänger Néstor Kirchner, benötigen nach einer schmerzlichen Niederlage der Regierungskandidaten bei den Parlamentswahlen Ende Juni mehr denn je volle Kassen, um sich politische Unterstützung erkaufen zu können.

          Regeneriertes Wirtschaftswachstum brach 2009 wieder ein

          Anders als viele Anleger noch vor wenigen Monaten befürchtet hatten, unternimmt die Regierung große Anstrengungen, alle Fälligkeiten pünktlich zu bedienen. Parallel sucht sie eine Regelung für die rückständigen Altschulden. Der erst seit wenigen Monaten amtierende Minister Boudou hat selbst mit dem vom Ehepaar Kirchner lange geschmähten Internationalen Währungsfonds wieder Kontakt aufgenommen. Das soll eine Restrukturierung von 6,7 Milliarden Dollar Schulden gegenüber den Staaten des Pariser Clubs ermöglichen, bei denen Argentinien ebenfalls seit 2002 im Rückstand ist.

          Nach dem Finanzcrash 2002 hatte Argentinien bis 2008 jedes Jahr Überschüsse im Staatshaushalt erzielt. Doch im Gefolge der globalen Krise, die durch interne Faktoren noch verstärkt wurde, ist das Wachstum der Wirtschaft und der Staatseinnahmen 2009 eingebrochen, während die Ausgaben kräftig weiter expandieren. 2009 wird Argentinien ein Staatsdefizit von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnen, kalkuliert die Finanzberatungsfirma Broda. Kein hoher Wert im Vergleich zu anderen Ländern. Doch selbst der wird zum Problem, wenn der Zugang zu neuen Krediten versperrt ist.

          Als Argentinien zum Jahresende 2008 überraschend die privaten Pensionsfonds verstaatlichte, fürchteten viele Anleger offenbar, das Land werde auch den Schuldendienst abermals einstellen. Der Renditeabstand zwischen argentinischen und amerikanischen Staatsanleihen sprang zeitweise auf 20 Prozentpunkte. Doch Staatspräsidentin Kirchner nutzte die einkassierten Pensionsfonds ebenso wie einen Teil der Devisenreserven, um fällig werdende Schulden fristgerecht zu bezahlen. Durch mehrere marktkonforme Schuldentausch-Aktionen wurden überdies Fälligkeiten in die Zukunft verlagert. Finanzexperte Castiñeira meint, die Regierung habe möglicherweise erkannt, dass es weniger traumatisch sei, die Rückkehr an den Kapitalmarkt zu versuchen, als die Staatsausgaben zu kürzen.

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