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Argentinien : Die Umschuldung ist nur ein kleiner Erfolg

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Staatspräsidentin Kirchner ist zufrieden: „Dies ist ein Tag der Entschuldung” Bild: AFP

Argentiniens Zugang zu neuen Krediten bleibt vorerst schwierig. Das Land hat nach einer zweiten Umschuldungsrunde insgesamt 92,4 Prozent der Zahlungsausfälle gegenüber Privatanlegern regeln können. Die Gläubiger verzichten dabei auf drei Viertel ihrer nominalen Forderungen.

          Argentinien erzielt Fortschritte bei der Sanierung seiner finanziellen Altlasten aus dem Staatsbankrott des Jahres 2001. In einer zweiten Umschuldungsrunde, die am Dienstag zu Ende ging, reichten die Gläubiger notleidende Altschulden im Gesamtwert von 12,1 Milliarden Dollar zum Tausch gegen neue Papiere mit geringerer Verzinsung und längeren Laufzeiten ein. Die Besitzer von rund 66 Prozent des von der Regierung zur Umschuldung zugelassenen Gläubigerkapitals in Gesamthöhe von 18,3 Milliarden Dollar stimmten dem neuen Angebot Argentiniens zu.

          Damit lag die Zustimmungsquote über dem von der Regierung offiziell angestrebten Mindestziel von 60 Prozent. Die Quote blieb allerdings deutlich unter den ursprünglichen Erwartungen einiger Finanzanalysten, die bei Lancierung des Angebots Anfang Mai bis zu 85 Prozent Zustimmung erwartet hatten. Zusammen mit dem Ergebnis der ersten Umschuldung vom Frühjahr 2005, als 76 Prozent der Gläubiger getauscht hatten, hat Argentinien nun insgesamt 92,4 Prozent der Zahlungsausfälle gegenüber Privatanlegern regeln können. Inmitten seiner bislang schwersten Wirtschaftskrise hatte Argentinien im Dezember 2001 die Bedienung von Anleihen im Wert von 82 Milliarden Dollar eingestellt.

          Die Konditionen für die zweite Umschuldungsrunde waren ähnlich hart wie die des ersten Angebots von 2005. Argentiniens Staatspräsidentin Cristina Kirchner erklärte zufrieden, dass die Gläubiger einen Verzicht auf drei Viertel ihrer nominalen Forderungen akzeptiert hätten. „Dies ist ein Tag der Entschuldung“, sagte die Staatschefin. Nach der neuen Umschuldungsrunde stehen gegenüber Privatanlegern noch etwa 8 Milliarden Dollar Anleiheschulden offen. Davon befinden sich rund 4,5 Milliarden in Händen von Gläubigern, die Argentinien vor Gerichten in aller Welt auf die volle Bedienung ihrer Forderungen verklagt haben und zum Teil schon vollstreckbare Urteile erreichen konnten. Diese werden weiterhin versuchen, argentinisches Staatsvermögen zu pfänden, wo immer sich eine Möglichkeit bietet. Wirtschaftsminister Amado Boudou hofft jedoch, nun insbesondere die amerikanische Justiz davon überzeugen zu können, dass Argentinien den Gläubigern mit den zwei Umschuldungsangeboten hinreichend entgegengekommen sei.

          „Lehrer und Klempner“ haben zugestimmt

          Natürlich hätten sich die sogenannten Geierfonds, die Schuldtitel am Sekundärmarkt zu Schrottpreisen aufkaufen und dann vor Gericht den vollen Nominalwert einklagen, dem Angebot verweigert, räumte Boudou ein. Doch die „Lehrer und Klempner“ hätten zugestimmt, sagte der Minister. So hätten drei Viertel der italienischen Kleinanleger, die sich mit Forderungen von 4,3 Milliarden Dollar dem ersten Angebot 2005 noch versperrt hatten, diesmal akzeptiert. Von den übrigen Privatanlegern, die noch rund eine Milliarde Dollar offen haben, stimmten 36 Prozent zu. Institutionelle Anleger steuerten mit 8,5 Milliarden Dollar.

          Der Zugang zu neuen Krediten bleibt für Argentinien aber weiterhin stark eingeschränkt. Eine ursprünglich geplante Plazierung einer neuen Anleihe über eine Milliarde Dollar parallel zu der Umschuldung musste die Regierung aufschieben. Argentinien sei nicht bereit, die am Markt derzeit geforderte Verzinsung zu akzeptieren, sagte Boudou. Gemäß den aktuellen Marktsätzen müsste Argentinien den Anlegern immer noch Zinsen von 12 Prozent bieten, während sich die Nachbarländer Brasilien und Uruguay für die Hälfte verschulden können.

          Finanzexperten werteten das Ergebnis der Umschuldung denn auch nur als „bescheidenen Erfolg“. Die Regierung habe den Gläubigern deutlich weniger geboten, als sie hätte zahlen können, und so ein besseres Ergebnis verpasst, schreibt die Bank Goldman Sachs. Zudem stehe die gesamte Wirtschaftspolitik Argentiniens auf einem schwachen Fundament. Den Zugang zu Krediten und Bürgschaften anderer Staaten versperren die von 2001 bis heute offen gebliebenen Außenstände Argentiniens gegenüber den reichen Ländern des Pariser Clubs, die sich auf mehr als 6 Milliarden Dollar belaufen. Deutschland ist mit einem Drittel der Forderungen der größte Gläubiger in dieser Gruppe.

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