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Argentinien : Der Bankrott als Geschäftsmodell

Die Hedgefonds haben in Argentinien wenig Freunde Bild: dpa

Investoren wittern in Krisen Chancen. Das bedrängt nicht nur überschuldete Staaten wie Argentinien. Auch Unternehmen trifft der Aufkauf von Krediten.

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          Über spanischen Immobilien kreisen sie, den Banken kaufen sie problematische Forderungen ab und von insolventen Staaten erwerben sie Anleihen, die nur noch einen Bruchteil des Nennwerts kosten: Die sogenannten „Geierfonds“ sind nach der geplatzten Einigung mit Argentinien und der bevorstehenden Insolvenz des südamerikanischen Landes in aller Munde. Vor allem der Hedgefondsmanager Paul Elliott Singer, dessen Fonds NML Capital neben Aurelius Capital Argentinien in die Knie zwang, wird zur Zielscheibe der Kritik.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lässt man den Schmähbegriff „Geierfonds“ beiseite, handelt es sich um Hedgefonds, die sich nach eigenen Worten auf „spezielle Situationen“ konzentrieren. Ihre Kapitalgeber sind wie bei allen anderen Hedgefonds institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherer und sehr wohlhabende Privatanleger.

          Unter „speziellen Situationen“ verstehen sie in der Regel Staats- oder Unternehmenskrisen. Ihr Kalkül: Anleihen, die schon deutlich an Wert eingebüßt haben, aufkaufen und auf einen höheren Restwert zu setzen. Selbst für insolvente Staaten gibt es funktionierende Anleihemärkte. Doch der Großteil dürfte im Freiverkehr unter den Banken („over the counter“; OTC) gehandelt werden, schätzen Analysten. Das gilt erst recht für Kredite an angeschlagene Unternehmen, die zu einem Bruchteil der nominalen Forderung gehandelt werden. Der Kredit im Nominalwert von einem Euro kann zum Beispiel für 40 Cent einen neuen Käufer finden.

          „Anleihen von insolventen Staaten oder Unternehmen werden deshalb gehandelt, weil die Forderungen immer noch einen Restwert haben“, sagt Commerzbank-Analyst Alexander Aldinger. Investoren, die solche Forderungen gezielt kaufen, hoffen dann auf einen Restwert, der höher ausfällt als der Kaufpreis des Schuldtitels. Aldinger verweist auch noch auf einen technischen Grund, der sich aus den Kreditausfallderivaten (Credit Default Swaps; CDS) ergibt: „Wer einen CDS einlösen will, kann dies meist nur, wenn er auch entsprechende Anleihen hält.“

          Forderungen von 500 Milliarden Dollar drohen

          Nach Ansicht von Dirk Bliesener, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller für Bank- und Kapitalmarktrecht, sind Staatsanleihen überwiegend in Form von handelbaren Schuldtiteln verbrieft. „Ihr jeweiliger Marktpreis spiegelt die Erwartung der verschiedenen Marktteilnehmer an die zu erwartende Rendite wider.“ Marktteilnehmer mit höherer Risikobereitschaft investierten auch in Schuldtitel von Staaten oder Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten, fügt er hinzu.

          NML Capital und Aurelius zielten auf die von Argentinien begebenen Anleihen mit dem Gerichtsstandort New York. Damit sicherte sich das Land internationale Investoren, die Wert auf ein vertrautes Rechtsumfeld legen. Die beiden Hedgefonds hatten sich an den Umschuldungen, die Argentinien nach der Zahlungsunfähigkeit im Jahr 2001 durchführte, nicht beteiligt und in New York auf Auszahlung der Forderungen zu 100 Prozent geklagt. Ein lukratives Geschäft, denn Singer soll für die argentinischen Anleihen im Nennwert von 800 Millionen Dollar nur 48 Millionen Dollar oder sechs Cent für einen Dollar gezahlt haben.

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